BetDenkZettel

BetDenkZettel

By betdenkzettel
BetDenkzettel sind kurze Bet- und Denkanstöße von Fra' Georg Lengerke zu einem Wort aus den Schriftlesungen der Liturgie vom Tag
More places to listen

More places to listen

190920 24. Woche i. Jkr. Fr Das Vermögen der Herrinnen Lk 8,1-3
In der Nachfolge Jesu werden heute neben den zwölf Aposteln einige Frauen erwähnt, von denen Maria Magdalena, Johanna und Susanna namentlich genannt werden. Über sie sagt der Evangelist, dass sie alle zuvor eine Erfahrung mit Jesus gemacht haben: Sie sind von Krankheiten geheilt und von Dämonen befreit worden. Das müssen starke und befreite und zum Teil wohlhabende und gebildete Frauen gewesen sein. In der Kirche gibt es Männer und Frauen, die glauben, erst dann heil und frei zu sein, wenn sie diese oder jene Position innehaben. Andernfalls würden sie immer verletzt und unfrei bleiben. Nur: Wenn sie die dann innehaben, sind sie noch immer verletzt und unfrei – und wir um sie herum müssen es dann ausbaden. Bei den Frauen in der Nachfolge Jesu ist es andersherum. Sie sind da, weil sie zuvor eine Schlüsselerfahrung der Befreiung oder Heilung mit Jesus gemacht haben. In dieser Würde, Kraft und Freiheit tun sie nun das ihnen Mögliche, um „Jesus und die Jünger zu unterstützen“. In der revidierten Einheitsübersetzung heißt es jetzt treffender „mit ihrem Vermögen“ statt vorher „mit dem, was sie besaßen“. „Hyparchonton“ steht da im Griechischen, „das zur Verfügung Stehende“. Das deutsche Wort Vermögen bringt ja beides zum Ausdruck: das, was einer besitzt, und das, was einer vermag. Wir haben es hier mit Herrinnen zu tun, die – von Christus befreit oder geheilt – mit dem, was sie haben und vermögen, der Kirche dienen, indem sie es zur Verfügung stellen. Wenn wir einfach nur das heute schon täten – die Kirche sähe anders aus. Fra' Georg Lengerke
02:01
September 19, 2019
190919 24. Woche i. Jkr. Do Der nackte Fuß Lk 7,36-50
In der Wieskirche bei Steingaden gibt es an der Decke ein Fresko vom Mahl Jesu im Hause des Simon. Die Frau hockt vor Jesus, der sie mit der einen Hand segnet und mit der anderen sendet. Gegenüber am Tisch der Pharisäer und Hausherr Simon. An dessen Haltung fällt etwas auf: Einerseits hebt er abwehrend die Hände. Andererseits streckt er einen nackten Fuß in Richtung der auf dem Boden knieenden Frau. Was mag das heißen? Unterstellt der Maler ihm Verlogenheit, weil er sich öffentlich von der Frau distanziert, sie insgeheim unter dem Tisch aber allzu gut kennt? Oder wird uns der innere Kampf des Simon am Ende der Rede Jesu gezeigt? Jesus lässt sich von einer Frau berühren, deren Lebenswandel bei Männern wie Simon sofort ein Kopfkino auslöst. Aber offenbar geht es hier gar nicht um jene Zärtlichkeit, für die sich die Frau früher hat bezahlen lassen. Es geht um ihre aufrichtige Liebe zu dem, der ihr Leben durch die Gabe der Vergebung vom Kopf auf die Füße stellen kann. Und es geht darum, dass sich Jesus von der geläuterten Liebe und der Offenheit für seine Vergebung erreichen lässt. Beide bedingen einander. Die Liebe öffnet für die Gabe der Vergebung und die empfangene Vergebung befähigt zur Liebe. Ich glaube, dass Simeon mit sich ringt: Vielleicht muss ich mich von dieser Frau im wörtlichen und übertragenen Sinn erst mal berühren lassen, damit der Panzer der Selbstgerechtigkeit aufgebrochen wird, und auch ich zu einem Liebenden werde, der Vergebung empfängt und zu einem Gerechtfertigten, der zur Liebe befähigt wird. Fra' Georg Lengerke
02:06
September 19, 2019
190918 24. Woche i. Jkr. Mi Nach wessen Pfeife? Lk 7,31-35
Unsere Mutter ist eine geduldige Frau. Nur manchmal brachten wir sie an den Rand der Geduld. Dann nämlich, wenn unseren Kinderlaunen nichts recht war. Entweder kam das Erwünschte zur Unzeit oder zur rechten Zeit das Unerwünschte. „Wie man’s macht, ist es falsch!“ sagte sie dann. Und heute weiß ich, dass wir sie nur nach unserer Pfeife hatten tanzen lassen wollen. So geht es Jesus: Johannes fastet und gilt als verrückt. Jesus isst und trinkt, und man hält ihn für einen Fresser und Säufer und für einen Verbündeten der Zöllner und Sünder. – Wie man’s macht, ist es falsch. Es gibt eine Erwartung, dass Gott zu uns passt, dass er sich fließend eingliedern lässt in unsere spießige Lebenswirklichkeit. Aber Gott ist nicht gekommen, um unseren Erwartungen zu entsprechen oder unseren Stimmungen zuzustimmen. Dass Anspruch und Wirklichkeit auseinanderfallen, gehört zu ihrem Wesen. Nur wenn sie sich unterscheiden, haben sie einander etwas zu sagen. Was soll also die Klage? Der Mensch Gewordene tanzt nicht nach der Pfeife der Menschen. Erst umgekehrt wird der Mensch frei. Diese Umkehrung beschreibt Madeleine Delbrêl in „Der Ball des Gehorsams“: Wir sind eingeladen zum Tanz zur Melodie der Wirklichkeit, mit der Gott uns umgibt. Sie schließt: Offenbare uns das große Orchester deiner Heilspläne, / Worin das, was du zulässt, / Einfach befremdliche Töne von sich gibt / Inmitten der Heiterkeit dessen, was dein Wille ist. / Wie einen Ball, / Wie einen Tanz, / In den Armen deiner Gnade, / Zu der Musik allumfassender Liebe. / Herr, komm und lade uns ein. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:05
September 18, 2019
190917 24. Woche i. Jkr. Di Wenn der Todeszug hält Lk 7,11-17
Bei jeder Beerdigung denke ich mir: Das ist unser aller Weg. Dem Grab entgegen. Früher war mir dieser Weg noch weit. Zwischendurch schien er mal erschreckend absehbar. So oder so: Wir sind auf dem Weg ins Grab. Unaufhaltsam. Außer in Nain. Vor der Stadt kommt der Menschenmenge um Jesus ein Beerdigungszug entgegen. Jesus ist von der Trauer der Witwe um ihren einzigen Sohn „in den Eingeweiden erschüttert“. Er tritt heran und berührt die Bahre. Der unaufhaltsame Zug bleibt stehen, weil einer an die Trage des Toten und damit an die Trägerschaft des Todes rührt. Es ist, als hätte sich Jesus der Todesdynamik der Welt in den Weg gestellt. Doch die zeigt sich nicht erst in meinem leiblichen Sterben, sondern schon in vertaner Zeit und lieblosem Dasein, in nichtigem Denken und leerem Gerede, in vergeblicher Mühe und sinnloser Sorge. Dann spricht Jesus den Toten an: „Ich sage Dir: Steh auf!“ Sein Wort hat Macht, wenn ich es mir denn sagen lasse. Im Tod erweist sich diese Macht österlich an Leib und Seele – im Leben zeigt sie sich in erfüllter Zeit und liebender Tat, im redlichen Denken und im guten Wort, in der Mühe, die sich lohnt, und der Sorge um das, worauf es ankommt. Wie der Mutter den Sohn, gibt er uns die Lebendigkeit des Lebens zurück. Zuvor ist Jesus diesen Weg ins Grab erst selbst noch gegangen. In Nain zeigt sich, was er tut. In Jerusalem zeigt sich, wer er ist. Der Auferstandene tritt an uns heran und rührt an den Tod in uns. Der kann jetzt machen, was er will. Wir sind ins Leben gerufen, über das er keine Macht mehr hat. Fra' Georg Lengerke
02:15
September 17, 2019
190915 24. Woche i. Jkr. So Mitgesucht und mitgefunden Lk 15,1-32
Die Empörung der Schriftgelehrten und Pharisäer über Jesu Nähe zu den „Zöllnern und Sündern“ wird verständlicher, wenn ich mir vorstelle, Jesus hätte jemanden aufgesucht, der mich betrogen oder verletzt hat. Sie empören sich ja nicht über seine Gemeinschaft mit den Armen, das wäre in der Tat verwerflich. Sie empören sich über seine Gemeinschaft mit den Sündern – mit Leuten also, zu denen auch ich auf Abstand gehe, weil sie die Gemeinschaft mit Gott und mit mir verletzt haben. Aber auch ich gehöre ja zu denen, deren Beziehung zu Gott versöhnungsbedürftig ist. Von den „Zöllnern und Sündern“, den Betrügern und Gewalttätern unterscheide ich mich nur graduell. Das ist mein Schmerz und wird mein Glück. Denn die Sehnsucht Gottes nach ihnen gilt auch mir. Und sie ist bereit, jeden Preis zu bezahlen, damit keiner verloren und auch noch der letzte Schuft gerettet wird. Dieser Preis bin auch ich ihm wert – und sei es das Leben seines Sohnes, der mich bis in den Tod zu suchen und zu finden gekommen ist. Sobald ich die Angst vor der schlechten Gesellschaft derer verliere, die an mir schuldig geworden sind, und mich mit ihnen zusammen finden lasse, wird das meine größte Freude sein. Als Jünger Jesu stehen wir auf drei Seiten: auf der Seite der Verlorengegangenen, die sich finden lassen sollen; auf der Seite der Mitsucher und Mitfinder Gottes, die seinen Preis zu zahlen bereit sind; und auf der Seite derer, die sich mitfreuen, dass auch ihre Feinde mit ihnen zusammen gesucht und gefunden wurden. Nur so können wir wieder Freunde werden. Fra' Georg Lengerke
02:03
September 15, 2019
190914 Kreuzerhöhung Das Kreuz wieder auffinden Joh 3,13-17
Das Fest der „Kreuzerhöhung“ erinnert an die Weihe der Auferstehungskirche in Jerusalem und die Erhöhung der Kreuzesreliquie vor dem Volk am 14. September 335. Und es erinnert an die Auffindung des Kreuzes durch Kaiserin Helena am 14.September 320. Daher hieß dieses Fest auch lange „Kreuzauffindung“. Vielleicht ist es Zeit für eine „Wiederauffindung“ des Kreuzes. Am Kreuz finden wir den Menschen. Pontius Pilatus sagt über den Gegeißelten: „Seht, der Mensch!“ (Joh 19,5) So steht es um uns; so gehen wir mit einander und uns selbst um. Hier erfährt sich der Mensch von Gott verlassen. Und diese Ferne ist das größte Elend. Das Kreuz erzählt auch von mir. Von dem, was mir angetan wurde, was ich anderen angetan habe, und davon, wie mein Leben aussähe, wenn 1:1 alles auf mich zurückfiele, was ich anderen je tat. Am Kreuz finden wir Gott. An diese unsere Stelle geht nun Gott als Mensch. An dieser Stelle lässt er sich finden. An dieser Stelle verbindet er sich mit dem leidenden Menschen. So ist Gott. Der Hass der Welt trifft ihn und kann die Liebe doch nicht in Hass zerbrechen. Noch vom Kreuz sehnt sich Gott nach dem Menschen, der ihn ans Kreuz schlug. Am Kreuz findet Gott den Menschen. Schließlich ist das Kreuz die Stelle, an der Gott den Menschen findet, der sich verloren hat. Hier findet er mich in der Wahrheit meines Kreuzes, an der Stelle meines Leidens, meiner Verlassenheit, meiner Beschämung und meiner Schuld. Wer das Kreuz und den Gekreuzigten „wiederauffindet“, findet den Menschen und findet Gott, der uns als Mensch am Kreuz gefunden hat. Fra' Georg Lengerke
02:12
September 14, 2019
190913 23. Woche i. Jkr. Fr Mein Balken – meine Messlatte Lk 6,39-42
Mir kommt eine Slapstick-Szene in den Sinn: Ein Blinder erzählt einem anderen Blinden, er wisse genau, wo man hinmüsse, wo das ist und wie man da hinkommt. Ohne groß zu fackeln, nimmt er den anderen selbstbewusst am Arm, schreitet mutig aus und beide fallen – Platsch! – in die Grube. Vielleicht hat Jesus die Szene nicht so ausgeschmückt. Aber jedenfalls hat er Humor. Den brauchen wir auch. Denn diese Szene handelt von uns. Ihr seid die Blinden, sagt Jesus, die besser im Korrigieren als im Korrigiertwerden, besser im Bescheidsagen als im Bescheidgesagtbekommen sind. Ihr habt ein äußerst sensibles Empfinden für den Splitter im Auge Eures Nächsten. Aber Ihr kommt nicht auf den Gedanken, dass Ihr einen Balken im Auge habt, der Euch die Sicht verbaut – den Ihr jedoch für die Messlatte der Welt haltet. Während ich schreibe, kommen hier bei uns im Libanon neue, zum Teil sehr schwer behinderte Gäste an. Wieder beginnt ein Rollentausch. Die Volontäre sagen ihnen: Für die nächsten Tage gehst Du voran. Du zeigst mir Deinen Blick auf die Welt. Zu zeigst mir den Weg und ich gehe mit (außer in die Küche und mit beiden Händen in den Nudelsalat). Wenn wir „alles lernen“ und, wie Jesus sagt, „wie der Meister werden“ wollen, dann brauchen wir Freunde, Weggefährten, Begleiter, die wir fragen: „Stimmst Du mit meiner Wahrnehmung meiner Lebenssituation, meiner Einschätzung der Lage, meiner Gewichtung der Dinge überein?“ Wo das der Fall ist, spricht einiges dafür, dass wir mit dem, was wir sehen, der Realität etwas näher gekommen sind. Fra' Georg Lengerke
01:59
September 13, 2019
190912 23. Woche i. Jkr. Do Liebe zu uns Feinden Lk 6,27-38
Während des Monats im Libanon führe ich mit jedem Teilnehmer der Summercamps mindestens ein Gespräch. Dieser Tage sagte mir jemand, dass er die Forderungen des Evangeliums in der realen Welt weltfremd fände. Daran muss ich auch bei der heutigen Lesung über die Feindesliebe in der Feldrede bei Lukas wieder denken. Die unterscheidet sich von der entsprechenden Stelle bei Matthäus (von der hier bereits am 16.03.19 und am 18.06.19 die Rede war) u.a. durch die sog. „Goldene Regel“: „Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihnen.“ Die Goldene Regel konfrontiert uns mit der Lebensnähe der Feindesliebe. Denn sie sagt uns ja nicht nur was wir tun sollen, sondern fragt uns zuvor danach, was wir von anderen erwarten. Es geht hier nicht nur um die Liebe zu den Feinden, die wir haben, sondern um die Liebe zu den Feinden, die wir sind. Was aber erwarten wir von denen, die uns (warum auch immer) für Feinde halten? Wir selbst haben es nötig, von denen geliebt und gesegnet zu werden, deren Feinde wir sind. Wir haben es nötig, dass uns nicht alles 1:1 heimgezahlt wird, was wir anderen in Gedanken, Worten und Taten antun. Wir haben es nötig, zu empfangen, wo wir bitten, und Vergebung zu finden, wo wir schuldig werden. Öffne mir die Augen, Herr, für die, denen ich Feind bin, für die Geduld derer, mit denen ich ungeduldig bin, für die Großherzigkeit derer, in deren Schuld ich stehe, für den Segen derer, die mir egal sind. Und lehre mich, meine Feinde so zu lieben, wie ich als Feind geliebt werden will. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:03
September 13, 2019
190911 23. Woche i. Jkr. Mi Selipreisung angesichts des Grauens Lk 6,20-26
Am 11. September 2001 waren wir gerade aus Beirut in Frankfurt angekommen. Viele blieben noch zusammen in einem Café. Auf einmal auf allen Bildschirmen die brennenden Türme. Angeblich brannte auch das Pentagon. Zum Weißen Haus und dem Kapitol nur Gerüchte. Im Flughafen machte das Wort vom Weltkrieg die Runde… An den folgenden Tagen die Evangelientexte dieser Tage: Selig ihr Armen… Weh euch, ihr Reichen… Ich habe mich oft gefragt, wie dieses Evangelium im Ohr der Terroristen geklungen hätte. Ob sie nicht gefunden hätten, es gäbe ihnen recht? Oder andersherum: Ob es nicht als Verheißung für die Opfer und Gerichtsansage für die Attentäter und ihre Anhänger zu verstehen sei? Und schließlich: Ob nicht eigentlich doch jeder aus dem Evangelium seine eigene weltanschauliche Giftsuppe kochen kann? Aber das Evangelium ist keine Parteinahme für die einen gegen die anderen. Es ist für und gegen alle, weil Gott alle retten will, auch die Bösesten; und weil alle der Bekehrung bedürfen. Wir sind mit beidem gemeint – mit dem „Selig seid ihr!“ und mit dem „Wehe euch!“. Mit der Seligpreisung, nicht weil Armut, Hunger, Tränen oder Verfolgung etwas Gutes wären, sondern weil Gott daraus etwas Gutes machen kann und will. Mit dem Weheruf, nicht weil Reichtum, Sattsein oder Lachen etwas Schlechtes wären, sondern weil es Momente gibt, in denen wir uns von der Not unserer Nächsten nicht die gute Laune verderben lassen wollen, und weil wir uns um Himmels Willen in unserer Behaglichkeit nicht in Sicherheit wähnen sollen. Fra' Georg Lengerke
02:06
September 10, 2019
190910 23. Woche i. Jkr. Di Gegenläufig Lk 6,12-19
Je nachdem, wo einer steht, hört er das Evangelium anders. Dem Trägen wird gesagt, aufzustehen, und dem Unentwegten, sich auszuruhen. Die Zerstreuten werden gerufen, sich zu sammeln, und die Versammelten werden gesendet. Die Sünder werden zur Umkehr gerufen und die Gerechten in die Dankbarkeit. Manchmal sind es nur kleine Hinweise, die meinen Gewohnheiten gegenläufig sind und mich innehalten lassen. So heute, wenn von der Einsamkeit, dem Abstieg und dem Anhalten die Rede ist. Jesus geht in die Einsamkeit und durchbetet die Nacht. Auch noch im mittleren Alter muss ich der einen Angst widerstehen, etwas zu verpassen, und mich der anderen Angst stellen, dass die Einsamkeit vor Gott unbeantwortete Fragen an mich oder verdrängte Einsichten für mich hat. Nach der Berufung der Apostel steigt Jesus vom Berg hinab. In den Alltag der Menschen. In die Not und die Freude, die Dramatik und Banalität des täglichen Lebens. Abstieg ist die Bewegung der Menschwerdung. Wer mit Christus geht, muss mit ihm absteigen, um mit ihm und den Armen und Sündern auch aufsteigen zu können. Schließlich bleibt er mit seinen Jüngern stehen. Das ist ein dauerndes Hören, Unterscheiden und Entscheiden, wann weitergehen und wann stehenbleiben dran ist: stehenbleiben, um sich erreichbar zu machen, stehenbleiben, um an der Not nicht vorüberzugehen; stehenbleiben, um nach dem Weg zu sehen. Locke mich, Herr, in die Einsamkeit mit Dir. Nimm mich hinein in Deinen Abstieg zu den Menschen. Und halte Du mich an, wo ich Halt finden oder geben soll. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:06
September 10, 2019
190908 23. Sonntag i. Jkr. Rübermachen Lk 14,25-33
Genau vor 30 Jahren war ich als Flüchtlingshelfer mit den Maltesern in Budapest. Ich war 21 Jahre alt und begegnete Gleichaltrigen, deren Eltern in Karl-Marx-Stadt oder Jena nur wussten, dass ihre Kinder zum Urlaub an den Plattensee fuhren. In Wirklichkeit hatten viele schon entschieden, dass sie über die „grüne Grenze“ in den Westen „rübermachen“ würden. Nach menschlichem Ermessen ein Abschied für immer. Bei der Frage nach meiner Berufung hatte mich das seitdem umgetrieben: Was für eine Stimme, was für eine Macht, was für eine Verheißung müsste das sein, auf deren Ruf hin ich – wie sie – alles stehen und liegen ließe und aufbräche, auch wenn das schlimmstenfalls den Eltern das Herz bräche? An diesen Vorrang des Rufes in die Freiheit vor dem Willen der Eltern muss ich bei dem Wort Jesu über den Vorrang der Nachfolge Christi vor der Anhänglichkeit gegenüber den Eltern und natürlichen Verwandten denken. Auch wenn die Kirche die natürliche Familie hochschätzt, muss sie sich und andere doch daran erinnern, dass Jesus der Heiligsprechung der natürlichen Verwandtschaft vehement widerspricht. Sie muss – hart gesagt – „entgötzt“ werden, damit wir die Mutter nicht länger mit der Welt und den Vater nicht länger mit Gott verwechseln. Und damit die Mensch gewordene Liebe Gottes selbst bei uns ankommen kann. Wo wir einander mit Christus annehmen, werden wir einander auch lassen können. Wo wir einander aber um der Liebe Christi willen lassen, werden wir einander mehr sein, als wir es uns in der alten Anhänglichkeit je hätten träumen lassen. Fra' Georg Lengerke
02:03
September 8, 2019
190907 22. Woche i. Jkr. Sa Zur Weißglut Lk 6,1-5
Wenn ich die Zumutung Jesu für die Menschen um ihn herum verstehen will, dann muss ich mich unter seine Zuhörer mischen und versuchen, ihre Perspektive auf ihn nachzuvollziehen. Da sind Leute wie die Pharisäer, die ihren Alltag auf zeitgemäße Weise vom Gesetz des Moses formen lassen wollten. Ungefähr so, wie es viele Christen mit den Texten des Zweiten Vatikanums versuchten – bevor aus dem, was das Konzil hätte wollen sollen, eine politische Agenda wurde. Irgendwann tritt einer auf, der vollmächtig redet, ganz aus der Schrift heraus lebt und spricht und wie keiner zuvor durchlässig ist für das Wirken Gottes. Mit dem wachsen sie auf, pilgern, beten, hören sie die Schrift. Eines Tages dreht dieser Mann sich um und sagt: Leute, das alles hier handelt von mir und dem Vater. Der Gesalbte, von dem wir bei Jesaja gelesen haben, bin ich. Fasten bedeutet nicht mehr nur Bekehrung. Es bedeutet Trauer über mein Genommensein und Ausrichtung auf eine neue Einheit mit mir. Und am Sabbat geht es nicht bloß um den Mitvollzug der Ruhe Gottes mithilfe eines Regelwerkes. Es geht um die Feier der Gemeinschaft mit mir; im Leben, im Tod und in der Auferstehung. Das muss auch einige der Besten des Volkes Gottes schlicht zur Weißglut gebracht haben. Mitunter kann ich das nachempfinden. Und dann verstehe ich wieder, dass Christus nicht nur die anderen „Pharisäer“, sondern mich mit seinem Wort ins Herz treffen will. Vor allem dort, wo ich aus dem Glauben ein politisches Programm, eine Firma, ein moralisches Regelwerk oder eine Therapie gemacht habe. Fra' Georg Lengerke
02:05
September 7, 2019
190906 22. Woche i. Jkr. Fr Zwischendurch nackt Lk 5,33-39
Auf einem Marktplatz ein nackter Mann. Ihm gegenüber sein Vater mit seinen Kleidern. Hinter ihm ein Bischof, der mit seinem Chormantel seine Scham bedeckt. So malte Giotto die öffentliche Bekehrung des hl. Franziskus auf dem Marktplatz von Assisi. An diese Nacktheit erinnert mich Jesu Wort vom alten Kleid, das mit Flicken vom neuen Kleid repariert wird. Viele von uns tragen den alten Mantel ihres gewohnten Lebens und üblichen Denkens. Und für die ausgefransten, fleckigen oder wundgescheuerten Bereiche nehmen wir Flicken von dem, was die Kirche so an Ausbesserungsmaßnahmen anzubieten hat. Aber Jesus ist nicht gekommen, um auszubessern, sondern um zu retten, zu erneuern, zu erlösen. Deshalb ist der Glaube keine Ausbesserungsmaßnahme. Er ist ein Lebensstil, der sich von einem Lebensziel her bestimmt. Wir sollen „Christus anziehen“, sagt Paulus (Gal 3,27). Daran erinnert das Kleid der Taufe. Seine Übergabe hat unser Leben geprägt. Doch muss es immer wieder angezogen werden. Manche haben es wie einen Kommunionanzug oder ein Brautkleid im Schrank hängen, bis es zu klein oder stockig geworden ist. Andere flicken mit dem neuen Kleid des Glaubens die Klamotten ihres gewohnten Lebens. Am Ende ist beides hin. Glauben heißt, sich das alte nehmen und sich mit dem neuen bekleiden zu lassen. Der Moment der Nacktheit dazwischen und die Frage, ob das neue Kleid wohl passt, macht vielen Angst. Der Moment der Nacktheit lohnt sich. Denn kein Kleid hat Euch je so gut gepasst, gestanden und zum Vorschein gebracht wie dieses. Fra' Georg Lengerke
02:06
September 6, 2019
190905 22. Woche i. Jkr. Do Lk Wo es tief ist Lk 5,1-11
Für viele war es ein kraftvoller Ruf, als der hl. Johannes Paul II. zum Anfang des 3. Jahrtausends der Kirche zurief: „Duc in altum! – Fahr hinaus, wo es tief ist!“(Novo Millennio Ineunte, 2001) Derselbe Papst, der zuvor der Kirche ein großes Sündenbekenntnis verordnet hatte, sah das Millennium vor allem als Aufbruch in eine kraftvolle Neuevangelisierung. Weltweit hat es seitdem in der Tat viele Aufbrüche gegeben. Aber zugleich war das Schuldbekenntnis nur ein Anfang, und uns sollte Jahre später aufgehen, wie sehr wir weltweit der Umkehr, der Vergebung und der Erneuerung an Haupt und Gliedern bedürfen. „Fahr hinaus, wo es tief ist!“ Der Ruf Jesu gilt mit Petrus der ganzen Kirche und mir selbst: Dass wir uns hinaustrauen in die schöne, wilde und widerständige Welt mit ihren Stürmen und Unwettern – dorthin, wo es gefährlich ist. Dorthin, wo sich zeigt, was für Menschen wir sind. Dorthin, wo wir uns den Abgründen unseres Lebens stellen müssen, auf die wir oft nur von außen hingewiesen wurden. Dorthin, wo wir geläutert und im Sturm bewährt werden. Wir dürfen uns über unsere Erbärmlichkeit und Gottes Erbarmen, über geschenkte Herrlichkeit und gewähltes Verderben, über die bergende Weltlichkeit des Hafens und das Gebeuteltwerden auf hoher See keine Illusionen machen. Warum? Weil uns die Wahrheit Christi nur in dem Maße geglaubt wird, wie wir uns unserer Wahrheit gestellt haben. Wir sollen rausfahren, um Menschen für Gottes Liebe zu gewinnen, die ein Mensch geworden ist. Doch zugleich müssen wir uns ihr stellen, damit sie uns gewinnen kann. Fra' Georg Lengerke
02:01
September 5, 2019
190904 22. Woche i. Jkr. Mi Eile und Gelassenheit Lk 4,38-44
In der Szene des Aufbruchs aus Kafarnaum liegt zugleich Eile und Gelassenheit. Jesus bleibt nicht mehr viel Zeit. Er muss in dieser Zeit tun, was von ihm getan werden muss: „Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden…“ Die Menschen, unter ihnen viele Kranke, kommen in Scharen. Wie sehr hätte es sich nahegelegt zu bleiben, aufzubauen, zu vertiefen! Stattdessen muss er das Begonnene dem Wirken des Vaters und des Heiligen Geistes überlassen. Es muss weiter gehen. Jesus geht weiter. Und dieses Weitergehen hätte etwas Rastloses, wenn uns nicht von der kleinen Unterhaltung in der Einsamkeit erzählt würde, in die die Menschen Jesus nachlaufen, weil sie ihn nicht gehen lassen wollen. Jesus sucht die Einsamkeit im Gebet zum Vater, obwohl die Not und das Gedränge groß sind. Jesus muss die Verbindung mit dem Vater suchen, ihm bringen, was die Welt umtreibt, von ihm hören, was dran ist. Die Gelehrten streiten sich, ob Jesus zwei oder drei Jahre des öffentlichen Wirkens vor seinem Tod blieben. Egal. Sagen wir drei. Ich stelle mir vor, was vor drei Jahren war und was ich seither erlebt habe. Wie viel oder wenig Zeit war das? Was habe ich begonnen, was abgeschlossen? Was ist mir widerfahren, was habe ich empfangen und was erlebt? Und dann stelle ich mir vor, mir blieben noch drei Jahre. Was würde ich tun, was nicht mehr? Womit würde ich mich beschäftigen, womit nicht mehr? Wessen Nähe würde ich suchen und wessen Nähe nicht? Und wo würde ich in all dem die Nähe Gottes in Christus suchen und finden? Fra' Georg Lengerke
02:10
September 5, 2019
190903 22. Woche i. Jkr. Di Ich weiß, wer du bist Lk 4,31-34
In Nazareth und in Kafarnaum begegnen uns zwei verschiedene Arten des „Wissens“ über Jesus. In Nazareth meinen die Seinen, „den Sohn Josefs“ zu kennen. Und dass ihr Junge begnadet redet, ist ihr ganzer Stolz. Dass er der Messias ist, bleibt außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Er darf kein anderer sein als der, den sie kennen. Weil er es aber ist, schlägt ihre Begeisterung in Hass um. In Kafarnaum ist es der Dämon, die personifizierte Entfremdung des Menschen von Gott, der Jesus wirklich kennt: „Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.“ Die Macht, die Gott geschaut hat bevor sie von Gott absah, erkennt ihn auch in Menschengestalt wieder. Sie kennt ihn und will nichts mit ihm zu schaffen haben, weil sie weiß, dass das ihr Ende ist. Es gibt Menschen, die sich vor Jesus Christus fürchten, weil sie ihn nicht, schlecht oder nur eine Karikatur von ihm kennen. Und das oft, weil man ihnen von ihm nicht, schlecht oder als Karikatur erzählt hat. Aber es gibt auch Menschen, die Jesus kennen und sich deshalb vor ihm fürchten. Weil sie wissen, dass sich auf ihn einzulassen bedeutet, dass sich mein Leben verändert. Dass ich Welt und Menschen in einem neuen Licht sehe. Das ich nicht weitermachen kann, wie bisher. Wo die Abkehr von Gott zur Lebenshaltung geworden ist, wird die Hinkehr Gottes zu uns als lebensbedrohlich empfunden. Es reicht nicht, zu wissen, wer Jesus ist. Und es hilft nichts, die Güte Gottes nur zu kennen. Wir sollen ihr glauben und sie wollen – als Güte zu uns und als Güte zu denen, die er mit uns zusammen lieben will. Fra' Georg Lengerke
02:06
September 3, 2019
190901 22. Woche i. Jkr. So Show me the place Lk 14,1.7-14
„Show me the place where you want your slave to go“, beginnt ein Lied von Leonard Cohen. Im Wort Jesu über den rechten Platz als Gast geht es nicht bloß um Bescheidenheit. Denn das Evangelium ist nicht der Knigge oder der Struwwelpeter. Es geht darum, dass wir uns unseren Ort zeigen lassen. Es geht um eine Antwort auf die Bitte: „Show me the place.“ Wir sollen den letzten Platz suchen, sagt Jesus. Diese Suche war für den französischen Lebemann Charles de Foucauld nach seiner Bekehrung das Lebensthema. Der letzte Platz ist der Platz der letzten Menschen. In deren Gottverlassenheit kommt der Gastgeber, kommt Gott selbst in seiner Menschwerdung. Vom Stall vor Bethlehem bis zur Schädelstätte vor Jerusalem. „Show me the place, where the word became a man, … where the suffering began”, singt Leonard Cohen. Hier ist schließlich der Ort, an dem uns die Endgültigkeit des Todes aufgeht: „Help me move away the stone … I can’t move this thing alone.” Von hier aus wir uns unser Platz gezeigt. „Freund, rück auf!“ ist der Ruf Gottes an den Menschen auf dem letzten Platz. Es ist der Ruf, der seit Ostern an alle ergeht, die im Todesschatten sitzen. Es ist der Ruf aus den Gräbern des Lebens ins Leben mit Gott. Diesen Ruf sollen wir mit den letzten Menschen hören und ihnen weitersagen, damit wir miteinander aufrücken an den Platz in der Liebe Gottes, der für immer der unsere sein wird. Heute ist hier im Libanon „Fancy-Dinner“. Alle festlich gekleidet. Das Team bedient. Ein entstellter Mensch wird schön auf seinem Ehrenplatz. „Freund, rück auf!“ Fra' Georg Lengerke
02:08
September 1, 2019
190831 21. Woche i. Jkr. Sa Gute Bedingungen für Investitionen Mt 25,14-30
Für manchen genervten Schulabgänger war es das Abiturevangelium, das zum Nutzen der Talente mahnt. Für Berthold Brecht war es das Kapitalistenevangelium, in dem die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Doch geht es hier nicht um Begabungen und Kapital. Es geht um Güter, die „jedem nach seinen Fähigkeiten“ gegeben werden. Die jeweilige Menge ist nicht ein Qualitätsmerkmal, sondern die Weise, wie Gott uns gerecht wird. Keiner bekommt mehr als er kann. Entscheidend ist, dass ich „im Kleinen treu“ bin und nicht ängstlich klein von meiner scheinbar kleinen Gabe denke. Dann sagt das Gleichnis, dass Gott uns mit den Gaben die Welt anvertraut und uns gewissermaßen das Feld überlässt. Nun geht es darum, die Gaben zu mehren. Wozu? Nicht zur Bereicherung meiner selbst, sondern als dankende Antwort an den Geber und als Weitergabe für die Anderen. Diese Mehrung besteht nicht im Behalten und Verbergen, sondern im Einbringen – mit allen Risiken des Verlustes, die das mit sich bringt. Ich verbringe diese Wochen gerade mit Freiwilligen aus Deutschland und dem Libanon und mit schwer geistig und körperlich behinderten jungen Männern in den Bergen oberhalb von Beirut. Günstige Bedingungen für große Investitionen. Mancher entdeckt erst im Geben, was er empfangen hat. Und wo immer Einer für den Anderen in die Gemeinschaft des Leibes Christi investiert, was er empfangen hat, dort ergeht eine Einladung, die schon hier den Himmel meint: „Komm, nimm teil an dem Freudenfest deines Herrn.“ Fra' Georg Lengerke
01:58
August 31, 2019
190830 21. Woche i. Jkr. Fr Gebet der Wachenden Mt 25,1-13
Ein Gebet zum Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen. Mein Jesus, es kommt der Tag – und er ist schon da – da Du kommst für das Fest, bei dem wir die Deinen werden. Es kommt der Tag – und er ist schon da – da wir Dich nächtens nicht vergebens erwarten. Es kommt der Tag – und er ist schon da – an dem wir entzündet werden von dem Licht, dass Du bist. Schenke uns, dass wir schlafen zur Schlafenszeit, dass wir wachen zur Zeit der Wache, dass wir bereitet sind für das Fest. Gib uns die Klugheit, dass wir uns zur rechten Zeit sorgen um das Öl des Glaubens, um das Öl der Entflammbarkeit, um das Öl, das Licht wird von Deinem Licht. Schenke mir die Geduld, jeweils heute bereit zu sein, jeweils heute Ausschau zu halten, jeweils heute mich Dir anzuvertrauen, damit ich vertraut bin mit Dir, wenn Du kommst. Es kommt der Tag – und er ist schon da – da Du kommst. Weil Du im Kommen bist – bis wir einmal ankommen bei Dir. Amen. Fra' Georg Lengerke
01:35
August 30, 2019
190829 Enthauptung Johannes des Täufers Herz spricht zum Herzen Mk 6,17-29
Die Reaktion des Herodes auf die Worte Johannes‘ des Täufers ist eigenartig: Er „fürchtet“ den Täufer als „gerechten und heiligen Mann“, und obwohl ihn der Prophet in Verlegenheit und Unruhe versetzt, „hörte er ihm gern zu.“ Uns wird nicht gesagt, was genau der Täufer dem König zu sagen hatte. Nur, dass er ihm vorwarf, mit der Frau seines Bruders zusammenzuleben. Das muss sehr unangenehm gewesen sein. Aber dennoch so, dass Herodes ihn gerne hörte“. Das war keine Rechthaberei, keine Belehrung von oben herab und nicht das kalte Bestehen auf Geboten oder Rechten. Es muss eine große erkennende Liebe in Johannes gewesen sein, dass er so reden konnte, dass Herodes ihn fürchtete, sich von ihm in Verlegenheit bringen ließ und ihn dennoch gerne hörte. Ich stelle mir eine intime Kommunikation zwischen dem Wegbereiter Christi und der sich irgendwie noch nach Gott sehnenden Seele des Herodes vor: „Cor ad cor loquitur“ – „Das Herz spricht zum Herzen“ (Wahlspruch von Kardinal Newman). Das mag uns helfen, in der Kirche die vielen Stimmen zu hören und zu entscheiden, welche die der Propheten sind: das sind die Stimmen jener Frauen und Männer, die uns ins Gewissen reden und sich vorher ins Gewissen haben reden lassen; Menschen, denen es nicht dauernd um sich, sondern ganz um das Volk Gottes geht; Menschen, die wir fürchten, weil sie heilig und gerecht sind, die uns in Verlegenheit bringen und die wir im Tiefsten unserer Seele dennoch gerne hören, weil wir spüren, dass sie es in Gottes Namen besser mit uns meinen als wir selbst. Fra' Georg Lengerke
02:06
August 29, 2019
190828 21. Woche i. Jkr. Mi Hätten wir damals gelebt Mt 23,27-32
Was hätten wir in der Zeit unserer Vorfahren getan? „Wir wären nicht wie sie am Tod der Propheten schuldig geworden“, lässt Jesus die Schriftgelehrten und Pharisäer sagen. Wir hätten Widerstand geleistet. Wir wären auf der richtigen Seite gewesen. Je sicherer sich Menschen dessen sind, umso dünner scheint mir die Decke der Zivilisation zu sein. Ein junger katholischer Politiker erklärte mir neulich, das Lebensrecht ungeborener Menschen sei religiöse Ansichtssache. Leute, die angeblich gegen jede Diskriminierung sind, hören an einem bestimmten Punkt einfach auf zu denken. Auf einem Seminar über das christliche Menschenbild erinnere ich die Teilnehmer daran, dass keinem Menschen aufgrund seiner Herkunft, Religion, Hautfarbe oder sexueller Orientierung die Würde oder das Recht auf Leben abgesprochen werden dürfe. Soweit zustimmendes Nicken. Das gelte übrigens auch für das Alter vom ersten bis zum letzten Augenblick des Lebens – egal, wo sich dieser Mensch befinde und ob er gesund sei oder nicht. Da war es mit der Einigkeit vorbei, und ein Teilnehmer sagte unter dem Nicken anderer, darüber wolle er nicht urteilen. Ist das besser als zu sagen, man hätte von den Deportationen und den Lagern nichts gewusst? Es mag Ausnahmen gegeben haben. Aber in der Schuldgeschichte der Welt sind wir „Söhne von Prophetenmördern“. Und wir sind gefährdet wie sie. Anstatt uns auf dem Richterstuhl der Geschichte über das Leben unserer Vorfahren zu erheben, sollten wir angesichts ihres gebrochenen Lebens vor allem eins tun: uns bekehren. Fra' Georg Lengerke
01:59
August 28, 2019
190827 21. Woche i. Jkr. Di Der Relevanzirrtum Mt 23,23-26
Jesus wirft den Schriftgelehrten und Pharisäern einen grundlegenden Relevanzirrtum vor: Ihr macht das Kleine groß und das Große klein. Ihr macht Nebensachen zu Hauptsachen und Zwischenziele zu Lebenszielen. Und über das äußere Leben – mit der Erfüllung seiner Konventionen und Erwartungen – vergesst Ihr das innere Leben, nämlich Eure Grundausrichtung auf das richtige Ziel hin. Über die vermeintliche Naivität der ersten Frage im alten Katechismus „Wozu sind wir auf Erden?“ hat man vielfach die Nase gerümpft. Aber viele Leute würden heute anders leben, wenn sie eine Antwort auf die Frage hätten, wozu sie eigentlich leben. Denn die Frage nach dem Wozu kommt vor der Frage nach dem Wie. Wenn ich nicht weiß, wohin ich reise, weiß ich auch nicht, was ich einpacken soll. In dem Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“ erzählt Oskar Wilde von einem jungen Mann, der mit seiner bleibend makellosen Schönheit und Jugend die Menschen zu einem abgründig verdorbenen Leben verführt. Ein verborgenes Porträt von ihm zeigt nach und nach die Spuren, die sein Leben auf seiner Seele hinterlässt. Als ihm dieser Anblick unerträglich wird, sticht Gray auf das Bild ein und wird – nun selbst ganz Bild des Grauens – mit dem Messer in seiner eigenen Brust gefunden. Vor Gott wird es einmal kein Innen und Außen mehr geben. Hier sehen wir so aus, wie wir gelebt haben. Angenommen, das, was ich denke, rede und tue, meine Absichten und Vorstellungen hinterließen bleibende Spuren auf meiner Seele… Wie möchte ich dann leben? Fra' Georg Lengerke
01:53
August 27, 2019
190825 21. Woche i. Jkr. So Mit allen Kräften Lk 13,22–30
Das Wort Jesu über die enge Tür und die Mühe, die es kostet, durch sie hindurch zu kommen, erweckt den Eindruck, das Christentum sei eine ziemlich anstrengende Religion und Gott ein ziemlich schwer zugänglicher … äh … Gott. Es gibt Christen, die finden das ganz gut so, rackern sich mit frommem Pathos ab und tun fröhlich, obwohl sie es nicht sind. Und es gibt Christen, die finden das solange ganz schrecklich, bis es ihnen Wurscht ist, wollen religiös nicht weiter auffallen und sich katholisch beerdigen lassen. Aber auch die rackern sich für alles Mögliche ab, was ihnen lieb und teuer ist. Kann es sein, dass Gott die Tür zu sich eng und sich selbst für uns schwer erreichbar macht? Nein. Es ist genau andersherum: Wir neigen dazu, uns schwer erreichbar zu machen für Gott. Wir haben die Tür eng gemacht. In der Menschwerdung kommt Gott durch die enge Tür in unsere Unzugänglichkeit, damit wir den Weg zu ihm finden. „Bemüht euch mit allen Kräften“, sagt Jesus. Nicht, weil wir uns in den Himmel arbeiten könnten. Es kann jedoch eine strapaziöse Dehnungsübung sein, die Tür weit zu machen, durch die Gott in unsere Gedanken, Worte und Werke eintreten will. Es kann mühsam sein, zu unserer wahren Größe zu wachsen oder zu schrumpfen, um mit Christus durch die Tür ins Leben und Lieben Gottes eintreten zu können. Wo wir Christen Ausschau nach dem Himmel halten, da werden die einen weniger angestrengt und die anderen weniger wurschtig Christ sein. Und wo wir uns miteinander und mit den Armen auf den Himmel freuen – da ist uns keine Mühe zu viel. Fra' Georg Lengerke
01:53
August 25, 2019
190824 Sa Fest d. hl. Bartholomäus Finden und Gefundenwerden Joh 1,45-51
„Wir haben den Messias gefunden!“ (Joh 1,41) Dieser Ruf geht am Anfang des Johannesevangeliums von einem zum anderen. So erreicht er auch Nathanael, den die Tradition mit dem Apostel Bartholomäus identifiziert, und dessen Fest heute gefeiert wird. Das ist nicht nur eine frohe Botschaft. Für Nathanael nicht, weil er zu wissen meint, dass aus Nazareth nichts Gutes und schon gar nicht der Messias kommen könne. Für viele Heutige nicht, weil die Auskunft, jemand habe die Erfüllung der Hoffnung aller Menschen gefunden, nicht nur übergriffig, sondern auch nach einem Mangel geistiger Gesundheit klingt. In der Kirche können wir uns mit vielen darauf einigen, gemeinsam auf der Suche nach Gott zu sein. Aber wo der Lebenssinn im Suchen besteht, dort ist Finden geradezu tödlich. Wenn dann einer auch noch behauptet, Gott gefunden zu haben, muss das nach einem überheblichen Absolutheitsanspruch klingen. Das wäre es auch, wenn es nur um das Finden und das Gefundenhaben ginge. Nathanael lässt sich zu einer Begegnung überreden. Und noch bevor er die Behauptung des Philippus überprüfen kann, stellt er fest, dass nicht zuerst er den Messias, sondern zuerst der Messias ihn gefunden und erkannt hat – „schon bevor dich Philippus rief.“ Gott wird Mensch, „um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lk 19,10) Wer Jesus Christus findet, findet sein Gefundensein von Gott. Das ist nicht das Ende des Weges. Hier geht er erst richtig los. Der Lebenssinn besteht im Gefundenwerden und im Sichfindenlassen von Gott, Tag für Tag. Fra' Georg Lengerke
02:06
August 24, 2019
190823 20. Woche i. Jkr. Fr Denkend lieben Mt 22,34-40
„Ich will, dass ihr in Panik geratet“, heißt das Buch einer Klima-Aktivistin. Entweder ist das nur ein geschmackloser Aufhorcher. Oder es ist eine Wortmeldung aus der Unterwelt. Jedenfalls ist es ein Bärendienst am Klima. Wer will, dass ich in Panik gerate, der will, dass ich aufhöre zu denken. In Panik geratene Leute wollen alles, was ohne zu denken nach Lösung klingt – auch den totalen Krieg. Wir erleben derzeit eine Emotionalisierung aller Lebensbereiche: Entschieden wird mit dem Bauch statt mit dem Kopf; richtig ist, was sich gut anfühlt (wozu auch schreckliche Dinge gehören können); und es kommt nicht darauf an, was einer sagt, sondern was das Gesagte mit den Gefühlen der Hörer macht. Es scheint so, als hätte Jesus in dem kurzen Gespräch mit dem Gesetzeslehrer durch ein auswendiges Schriftzitat einen Rechtgläubigkeitstest bestanden. Aber er zitiert Deuteronomium 6,5 mit einer entscheidenden Ergänzung: Wir sollen Gott nicht nur „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft“ lieben, sondern auch „mit unserem ganzen Denken“. Diese Einbeziehung des Denkens bedeutet, dass wir denkend lieben und liebend denken sollen. Es bedeutet, dass wir verstehen sollen, was wir empfinden, und empfinden sollen, was wir verstehen. Das gilt besonders für den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Zu Gott und dem Nächsten. Wer nur noch in einer gefühlten Welt lebt und urteilt, der muss sich wie Bertha in Loriots Sketch vom harten Ei die Anfrage gefallen lassen: „Vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht.“ Fra' Georg Lengerke
02:03
August 23, 2019
190822 20. Woche i. Jkr. Do Hinz, Kunz und ich Mt 22,1-14
Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen. Genauer: Ich bin nachgeladen worden. Sonst wurmt mich das mitunter. Diesmal nicht. Mittlerweile sind nämlich fast alle nachgeladen. Und eingeladen wird noch immer. Alle sind eingeladen. „Gute und Böse“. Das ist mein Glück. Der Himmel will sie alle. Und der Bräutigam meint jeden. Komische Hochzeit. Hier heiratet der Königssohn nicht irgendeine fremdländische Schönheit. Er heiratet sein Volk. Die Braut sind wir. Ich gehöre dazu. Mein Herz denkt an die, die abgesagt haben. Und ich? Habe ich eigentlich zugesagt? Oder bin ich nur so mitgegangen? Der Mann ohne Hochzeitsgewand kommt mir wie einer vor, der den Himmel noch so mitnehmen will. Wie die letzte von mehreren Parties einer langen Nacht. Er meint, weil die Erstgeladenen nicht erschienen und stattdessen Hinz und Kunz und er und ich eingeladen sind, werde das Fest nun zur späten Stunde verramscht. Aber die Hochzeit ist keine billige Gnade und nicht zum Discountpreis zu haben, wie die Mitnehmsel an der Kasse von Ikea. Oft versuche ich nachzuvollziehen, wie ich hierhergekommen bin. Und ich hole meine Zusage nach und hole sie ein – Tag für Tag. Der Bräutigam sehnt sich nach denen, die abgesagt haben. Auch für sie bin ich hier. Sie wissen ja nicht, was sie verpassen. Wie können sie auch, wenn sie nur so von außen drauf schauen, auf das alt gewordene Haus und die müden Gäste vor der Tür. Ich gehöre zur Braut. Das Fest kostet und schenkt der Braut alles. Sie hört und antwortet: „Ich nehme dich an“. Fra' Georg Lengerke
02:13
August 22, 2019
190821 20. Woche i. Jkr. Mi Gott hat mich angefangen Mt 20,1-16a
Sonntags spielten Kinder unter dem Fenster meiner Kaplanswohnung auf dem Kirchplatz. Einmal sitzt später eines traurig auf der Treppe. „Und was ist mir dir?“, frage ich. „Niemand hat mich angefangen!“ Das muss die Seelenlage der müßigen Arbeiter auf dem Marktplatz sein. „Niemand hat uns angeworben!“ Hier geht es nicht um einen Job. Hier geht es um das Leben. Niemand hat uns angefangen! Die Traurigkeit ungelebten Lebens ist das eine. Das andere ist die Empörung über die vermeintliche Ungerechtigkeit. Doch hier geht es nicht um Arbeit und gerechten Lohn. Es geht um das Leben mit Gott und in seinem Dienst. Das Mitwirkendürfen ist schon der Lohn und die Ernte das Fest der Freude; der Denar ist Dreingabe der Güte und Ausdruck der gleichen Würde. Wo erkennbar wird, dass die Welt Gottes Weinberg und die Mitwirkung mit ihm Leben in Fülle ist, da ist die Kirche lebendig. Wo aber aus der Kirche eine Firma und aus einem heiligen Dienst ein bezahltes Hauptamt wird, wo aus einer Stellvertretung, die Gott Platz macht, eine Interessenvertretung wird, die ihren Platz behauptet, wo an die Stelle des Zeugnisses vom Reich Gottes ein politisches Programm und an die Stelle theologischer Argumente für die Gestalt der Kirche die Frage nach Arbeitnehmerrechten und Wirtschaftlichkeit tritt – da ist die abendliche Frustration im Weinberg zum öden Alltag ungelebten Lebens in der Kirche geworden. Guter Gott, du bist der Herr des Weinbergs und der Ernte. Mache Deine Kirche zu einem Ort, an dem die Menschen sagen können: Gott hat mich angefangen. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:06
August 21, 2019
190820 20. Woche i. Jkr. Di Durchs Nadelöhr Mt 19,23-30
Auf einem Seminar fragte mich ein Freund, ob ich mal einen Kugelschreiber hätte. Hatte ich. In meiner Hosentasche war ein Fisher Space Bullet Pen. Ein sehr schöner Taschenkugelschreiber für alle Lagen. Ob ich schon beim Verleihen zu sehr an die Rückgabe erinnerte oder ob er den bei mir schon kannte – jedenfalls spöttelte der Beliehene, dass ich mit meinem Ordensgelübde ein offenbar etwas ungeordnetes Verhältnis zu diesem Stift hätte. Und recht hatte er. Weil er leicht aus der Tasche fiel, ging der Stift oft verloren und ich suchte ihn mit unverhältnismäßigem Aufwand jedes Mal wieder. „Ein Reicher wird nur schwer in das Himmelreich kommen.“ Warum? Weil unsere Gefahr darin besteht, dass wir für uns selbst haben, was uns für andere gegeben wurde; dass Christus als Lazarus vor unserer Tür verreckt, der auf die Öffnung unseres Hauses und Herzens wartete; dass nicht wir die Dinge, sondern die Dinge uns haben und dass an die Stelle des Schöpfers das Geschaffene tritt, das uns weder lieben noch retten kann. Und schließlich weil wir dem immer ähnlicher werden, wofür wir leben. Wo jedoch einer mit allem, was er hat, dem Reich Gottes dient, ein offenes Herz und Haus für die Armen und die Jünger Jesu hat, wo einer sich die Fähigkeit bewahrt, alles stehen und liegen lassen, wenn die größere Liebe es fordert, da geht das Kamel durch das Nadelöhr. Der heilsame Spott hatte mich erschreckt. Das, was ich zu haben meinte, hatte mich. Ich habe ihm den Kugelschreiber noch am selben Tag geschenkt. Und hier ging es nur um einen Kugelschreiber… Fra' Georg Lengerke
02:06
August 20, 2019
190818 20. So i. Jkr. Feuer und Spaltung Lk 12,49-53
Frieden als Selbstzweck ist ein fauler Friede. Um seinetwillen werden auch Menschen getötet und der Ruf nach Gerechtigkeit erstickt. Frieden ist immer Frieden mit jemandem. Der Frieden Christi ist zuerst Friede mit Gott, der uns zur Liebe befähigt. Daher kann es Spaltung um des Friedens, um Christi Willen geben. Diese Spaltung beginnt in mir wie Feuer. Feuer unterscheidet (als Licht) und scheidet (im Schmelzofen) und reinigt (z.B. das Gold). Die Spaltung beginnt mit meiner Antwort auf die Frage, auf wen ich höre und auf wen nicht, wem ich folge und wem nicht, was Sinn und Ziel meines Lebens ist und was nicht. Dass sich an Jesus Christus die Geister scheiden, setzt sich in meinen Beziehungen fort. Mit wem höre, mit wem folge, mit wem gehe ich aufs Ziel zu? Solche „Scheidungen“ können auch zu Verwerfungen mit den Allernächsten führen, wie das die Kirche in der Verfolgung vom Anfang bis heute erfährt. Auch da, wo es nicht ausdrücklich um Christus, sondern um seine Liebe und Gerechtigkeit geht. Aber die Spaltung um Jesu Willen dispensiert von der Liebe nicht. Auch der getrennte Nächste bleibt mein Bruder oder meine Schwester, für die Christus gestorben ist. Und schließlich darf uns eine notwendige Trennung nicht von einem Straßengraben in den anderen treiben. Meist geht mit einer Distanzierung vom einen auch eine Distanzierung vom anderen einher. Spaltung um Christi Willen ist Spaltung um der Mitte Willen. Die Spaltung um Christi willen führt uns in ein „Leben im Spalt“ – des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, der selbst die Mitte ist. Fra' Georg Lengerke
02:14
August 18, 2019
190817 19. Woche i. Jkr. Sa Kommenlassen Mt 19,13-15
Bei den Maltesern wurde vor Jahren der Satz in einem Strategiepapier diskutiert, sie wollten Mitarbeiter, bedürftige Menschen und andere „zu Christus führen“. Viele fanden „führen“ bevormundend, „zu Christus“ engführend – und überhaupt den ganzen Satz so, als wären die einen schon angekommen, wohin die anderen erst noch kommen müssten. Wir Christen sollen alles tun, damit möglichst viele schon hier Christus begegnen können. Denn früher oder später werden wir ohnehin alle vor ihm stehen. Andererseits verstehe ich nur zu gut die allergischen Reaktionen auf die Besserwisserei, mit der manche Leute meinen, sie wüssten, was zu meinem ewigen Heil notwendig ist. Angesichts der Kinder gibt Jesus den Jüngern dazu einen wichtigen Hinweis: Es wäre nämlich schon viel gewonnen, wenn wir Christen die Menschen zu Christus „kommen lassen“ und sie „nicht daran hindern“. Was müssen wir ändern, um Menschen nicht länger daran zu hindern, Jesus Christus kennen und lieben zu lernen? Sei es, indem wir die Latte zu hoch hängen – so als käme die Begegnung mit Christus erst nach meiner moralischen Vervollkommnung; sei es, indem wir diese Begegnung derartig runterspielen, dass sie am Ende ausfällt und die Menschen ganz erleichtert sind, nichts weiter verpasst zu haben. Wenn wir auch hier wieder bei uns selbst beginnen, können wir mit dem hl. Nikolaus von der Flüe beten: Mein Herr und mein Gott, nimm alles mir, was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:07
August 17, 2019
190816 19. Woche i. Jkr. Fr Unzucht und Eunuchen Mt 19,3-12
Die Unauflöslichkeit der Ehe ist angesichts massenweisen Scheiterns eine Unzumutbarkeit. Der Zölibat ist Disziplinarmaßnahme oder kirchlich institutionalisierte Beziehungsunfähigkeit. Dass so oder ähnlich Gespräche über Ehe und Zölibat beginnen, ist nicht neu. Jesus spricht mit Leuten, die ihm eine Falle stellen wollen. Selbst für die Jünger ist eine unauflösliche Bindung eine Unzumutbarkeit. Und die aus verschiedenen Gründen Ehelosen nennt Jesus „Eunuchen“, was vermutlich ein Zitat der zeitgenössischen Verächter dieser Lebensform ist. Hüten wir uns vor falscher Idealisierung. Ehe und Ehelosigkeit waren nie ein Frühlingsspaziergang. Und die Krise der Ehe und des Zölibats gehören zusammen. Aber ist das nicht vielleicht wirklich eine Überforderung, dass der Mensch die unverbrüchliche Liebe Gottes zum brüchigen Menschen mitvollziehen, bezeugen und gegenwärtig setzen kann? Das katholische Menschenbild sagt, der Mensch sei genau dazu erschaffen, erlöst und berufen. Im Gelingen bezeugt sich die Liebe Gottes leicht. Aber die Liebe Christi und der Christen ist eben auch die bleibende Liebe zu einer Braut, die sich ihres Bräutigams am Kreuz entledigen will. Auch hier geht es nicht um einfache Lösungen unbestrittener Probleme. Es geht darum, wie Gott in der Welt da ist. Wenn die Ehe nicht die Unauflöslichkeit der Liebe Gottes vergegenwärtigt und keiner da ist, der sich (ohne die exklusive Bindung an einen Menschen) mit Christus für die Menschen verschwendet – dann ist die Gegenwart Christi irgendwann nur noch Theorie oder Glückssache. Fra' Georg Lengerke
02:07
August 16, 2019
190815 BDZ Mariä Aufnahme Dreierlei Annahme Lk 11,27-28
Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel handelt von der Einheit von Leib und Seele bei Gott. Maria ist die erste von uns, die bereits mit allem, was sie ist und je war, ganz bei Gott ist. Drei „leibliche Annahmen“ können wir heute bedenken: Das erste ist die leibliche Annahme Gottes in der Welt. Zuerst in Maria, deren Schoß und Brust einer im Beisein Jesu rühmt (Lk 11,27). Dann in allen, die sich das Wort Gottes einverleiben, indem sie es hören und tun (Lk 11,28) und so an der Leiblichkeit Jesu Christi in der Welt Anteil bekommen. Das zweite ist die leibliche Annahme des Menschen bei Gott. Die leibliche Auferstehung und Aufnahme bei Gott ist uns versprochen und Maria schon geschenkt. Gemeint ist eine „verklärte“ (zur ihrer Wahrheit verwandelte) Leiblichkeit, eine Erkennbarkeit und Unterscheidbarkeit dessen, was wir von Gott her sind und auf Gott hin im Leben geworden sind. Drittens erinnert mich dieses Fest an die leibliche Annahme unserer selbst. Unser Leib ist nicht nur irdisches Transportmittel, es ist nicht eine zufällige materielle Manifestation zu einer davon unabhängigen, selbst definierten geistigen Person. Unser Leib ist eine (mehr oder weniger gebrochene) Versichtbarung des Menschen, der wir sind. Er ist unser Zuhause in der Welt und unser konkretes Dasein füreinander und für Gott. Guter Gott, sieh auf uns und die Not aller, die in ihrem Leib nicht zuhause oder unversöhnt sind mit ihrem Leib und ihrer Leiblichkeit. Schenke uns die Annahme unseres Leibes, damit wir mit unserem Leib einmal angenommen werden bei Dir. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:11
August 15, 2019
190814 19. Woche i. Jkr. Mi Eskalation zur Versöhnung Mt 18,15-20
Wo ein Streit eskaliert, rückt der Friede in die Ferne. Doch im Evangelium gibt es auch eine Eskalation um des Friedens willen. Sag’s ihm allein. Sag’s ihm mit Zeugen. Sag’s ihm vor der ganzen Gemeinde. Aber was geht mich die Sünde meines Nächsten an? Erstens ist er Dein „Bruder“. Wenn er in Gefahr ist, sollst Du ihn warnen. Und zweitens betrifft das, was Schrift und Tradition „Sünde“ nennen, nie nur den Sünder und Gott. So, wie Gottes- und Nächstenliebe zusammenhängen, wirkt sich eine Störung mit meinem Ursprung und Grund auch auf mein Umfeld aus, eine Entfremdung vom Schöpfer auf mein Verhältnis zu den Geschöpfen und eine Trennung von Christus auf meine Beziehung zu seinen Jüngern. Wir brauchen „Zurechtweisung“ – oder vielleicht besser: Korrektur. Die correctio hat eine lange Tradition in der christlichen Spiritualität. Sie lehrt uns erstens, uns etwas sagen zu lassen, was unser Leben möglicherweise schmerzlich (und möglicherweise rettend!) zum Besseren ändert. Und zweitens lernen wir, einander solches zu sagen. Wer will, kann ja heute mal folgendes probieren: Bitten wir um eine (möglicherweise korrektive) Rückmeldung von jemandem, der uns kennt, schätzt und nicht schmeichelt. Und dann: Sagen wir jemandem, den wir kennen und schätzen, was ihm zu sagen längst überfällig ist. Sei es der Körpergeruch oder eine schlechte Angewohnheit, über die viele reden, nur keiner mit ihm. Das ist ein schönes Übungsfeld um zu entdecken, wie wir versöhnen und versöhnt werden können, wenn es um alles geht. Fra' Georg Lengerke
02:03
August 14, 2019
190813 19. Woche i. Jkr. Di Wahre Größe Mt 18,1-5.10.12-14
Würde ich diese Frage so stellen: „Wer ist im Himmelreich der Größte?“ Wahrscheinlich nicht. Gut, ich gehöre noch zu denen, die das Interesse am Himmel teilen. Dennoch meine ich zu wissen, dass es auf die Größe doch nun wirklich nicht ankommt. Erst recht nicht im Himmel. Aber was, wenn es gar nicht um die Größe im Vergleich zu anderen geht? Was wenn es um die eigentliche im Vergleich zu der angenommenen Größe eines Menschen geht? Wer ist der, der im Himmel am nächsten an seiner wahren Größe ist? Wir leben ja alle in irgendeiner Hinsicht unter unseren Möglichkeiten. Und es gehört zur Tragik der Welt, dass wir in anderer Hinsicht über unseren Möglichkeiten leben – nicht nur ökonomisch oder ökologisch, sondern überall dort, wo wir mehr und anderes aus uns machen, als wir sind, überall dort, wo wir mit Gott und der Welt fertiger sind, als Gott und die Welt mit uns. Was wahre Größe ist, sagt Jesus, das erkennen wir in der „Orientierung am Kinde“ (so der Titel eines noch immer lesenswerten Buches von H. Spaemann). Vom Unterschied zwischen kindlich werden und kindisch bleiben war schon mal die Rede (BDZ v. 2.3.2019). Heute begegne ich vielleicht einem Kind, das mir zeigen soll, was es heißt, mehr so groß zu sein, wie ich eigentlich bin, und weniger so groß, wie ich gerne wäre. Was dieses Kind mir zeigt, zeigt mir Gott, der mich und meinen Nächsten zu unserer wahren Größe bringen will. Und vielleicht beginnt mich jetzt langsam doch die Frage brennend zu interessieren: „Wer ist im Himmelreich der Größte?“ Fra' Georg Lengerke
02:11
August 13, 2019
190811 19. So i. Jkr. Keine Angst, kleine Herde Lk 12,32-48
Neulich stürmt der Sohn einer befreundeten Familie auf mich zu. „Da bist Du ja, kleiner Mann!“ sage ich. Darauf der Junge plötzlich ernst: „Ich bin nicht klein. Ich bin vier!“ Ähnlich reagieren viele Christen auf den Ruf Jesu: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ Sie kümmert weniger die Furcht der kleinen Herde als die Furcht, für eine kleine Herde gehalten zu werden. „Kleine Herde“ klingt unscheinbar, machtlos, elitär oder nach einer Sekte. Wir sind nicht klein! Wir sind groß, reich und politisch relevant. Wir sind viele! Eigentlich wären wir gerne alle. Nochmal: Alle sind von Gott geliebt. Alle will er retten. Mit allen hat er sich in seiner Menschwerdung verbunden. Die „kleine Herde“ sind die, die sich daraus etwas machen. Das sind die, die ihn an ihre Nacktheit und Gebrochenheit, Unansehnlichkeit und Schuld rühren lassen. Die große Herde hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass Gott Liebe ist. Die kleine Herde besteht aus denen, die sich von Gott lieben lassen und mit ihm die Anderen lieben. Die Anteilgabe und Anteilnahme von Ihm und an Ihm, von einander und an einander – das ist der Schatz im Himmel, der nicht zerstört werden kann. Wo das geschieht, da schenkt der Vater sein Reich. Da sind wir einen Schritt jenseits dessen, was uns das Fürchten lehren und uns so fügsam machen will. Wir sollten „kleine Herde“ nicht größer oder kleiner machen als sie ist. Doch in ihr überwinden wir die Furcht. Mit ihr finden wir den Schatz im Himmel – aber eben nicht nur für uns, sondern für alle, für die er Mensch wurde und die er an sich ziehen will. Fra' Georg Lengerke
02:03
August 11, 2019
190810 BDZ Laurentius Sein wo er ist Joh 12,24-26
Letzter Tag des Internationalen Ferienlagers in Ettal. Zum Teil wirklich todmüde junge Leute geben noch einmal „alles“. Dieses „Alles-Geben“ – weit über unsere uns sonst zur Verfügung stehende Kraft hinaus – ist eine geistliche Übung im Kleinen für das Große, wovon Jesus im heutigen Evangelium spricht: Das Weizenkorn bringt Frucht, wenn es gesät wird und stirbt. Unser Leben wird lebendig und kostbar, freud- und sinnvoll, wenn wir es geben. Also nicht wegschmeißen für etwas, was keinen bleibenden Wert hat. Auch nicht vernichten, wie der falsche „Märtyrer“, der sich mit anderen in die Luft sprengt. Die jungen Leute haben hier im Kleinen Entscheidendes erkannt und entschieden: Unsere behinderten und nichtbehinderten Gäste kehren mit einer neuen Freude, einem Mehr an Leben, einer neuen Qualität der Beziehung zu Gott und den Nächsten nach Hause zurück. Und die ist es wert, dass wir hier und jetzt alles uns Mögliche investieren. Ähnliches geschieht im Großen: bei der Mutter, der das Wohlergehen ihres kranken Kindes wichtiger ist als ihre eigene Gesundheit; bei dem Menschen, der sein Leben aufs Spiel setzt, damit ein anderer leben kann; schließlich bei dem, der lieber stirbt als aufzuhören, sich zu Jesus Christus und seiner Kirche zu bekennen. Jesus nennt ein Kriterium, wofür der Einsatz des Lebens lohnt. Es geht nicht nur darum, dass Jesus Christus dort ist, wo wir sind. Das wollen die meisten. Es geht darum, dass wir dort sein wollen, wo er ist – dort, wo das Zeugnis seiner Liebe, wo die Mitliebe mit ihm alles Mögliche kosten darf. Fra' Georg Lengerke
02:05
August 10, 2019
190809 BDZ Teresia Benedicta (Edith Stein) Wo beten Joh 4,19-24
Internationales Sommercamp des Malteserordens in Ettal. Seit 700 Jahren wird hier gebetet. Das hat den Ort geprägt. Als ob das jahrhundertelange Beten im Raum stünde. Auch in der Wahrnehmung der Christen gibt es Gnadenorte. Orte, an denen sich das Heilswirken Gottes immer wieder auf wahrnehmbare Weise mitgeteilt hat. Aber diese Gnadenorte unterscheiden sich von anderen heiligen Orten. Die Heiden zur Zeit Jesu suchen ihre Gottheiten an deren Orten auf (so die Samariter auf dem Berg Garizim). Für die Juden ist der Gebetsort schlechthin der Tempelberg in Jerusalem. Aber nicht, weil hier ein Gott unter vielen seinen Wohnsitz hat, sondern weil hier die Offenbarung Gottes „wohnt“ und Gott sich hier durch Israel der Welt als Schöpfer und Retter und „Gott aller Götter“ geoffenbart hat. „Wir beten an, was wir kennen“, sagt Jesus zu der Samariterin. Mit der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und der Zerstörung des Tempels verändert sich die Verortung des Gebetes ein weiteres Mal. „Die wahren Beter“, sagt Jesus, beten nicht mehr nur hier oder dort, sondern „im Geist und in der Wahrheit“ an. Der neue Tempel Gottes ist Christus – und der Mensch, mit dem sich Gott in seiner Menschwerdung verbunden hat. Christliches Beten ist nicht ortlos. Der Mensch selbst wird zum heiligen Ort. Wo wir zum dreifaltigen Gott beten, sind wir schon bei ihm eingetreten, beten wir schon „im Geist“ (also verbunden mit ihm) und in der Wahrheit (also zu dem, der sich uns bekannt gemacht hat). Im schönen Ettal oder sonstwo auf der Welt. Fra' Georg Lengerke
02:11
August 9, 2019
190808 18. Woche i. Jkr. Do Meinen oder Sagen Mt 16,13-20
Zu dem Ausflug Jesu mit den Jüngern an die Jordanquellen gehört eine Art Bestandsaufnahme. „Für wen halten die Menschen den Menschensohn?“, fragt Jesus die Jünger. Das klingt so, als wolle Jesus ein Meinungsbild über sich einholen. Entsprechend ist die anschließende Frage an die Jünger formuliert: „Für wen haltet ihr mich?“ In Wirklichkeit geht es jedoch um mehr, als nur um die persönliche Meinung der Leute und der Jünger. Im Griechischen lautet die Frage: „Wer sagen die Menschen, dass der Menschensohn sei?“ Und: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“ Jesus will nicht nur wissen, was die Jünger von ihm halten oder denken. Er will wissen, was sie von ihm sagen. Ich stelle mir vor, Jesus würde mir diese Frage heute stellen. „Wer sagst du, dass ich bin?“ Viele von uns Christen, vermutlich auch Theologen und Amtsträger, würden wohl etwas peinlich berührt so etwas ähnliches sagen wie: „Um ehrlich zu sein, Herr, habe ich schon ziemlich lang nicht mehr von dir gesprochen.“ Später wird es hier noch um das anschließende Gespräch (oder die beiden Gespräche!) zwischen Jesus und Petrus gehen. Für heute will ich es bei dieser Frage belassen: Wann habe ich zuletzt von Gott oder Jesus Christus gesprochen? Warum fällt mir das schwer? Wo fällt es mir leichter? Wo habe ich aus Klugheit und wo aus Feigheit geschwiegen? Und was fehlt mir, um von ihm sprechen zu können? Lehre mich, Herr, das rechte Wort von Dir zur rechten Zeit. Lass mich erkennen, wann jemand schweigend nach Dir fragt. Mach mich mutig zur Antwort, indem Du selbst mein Schweigen brichst. Amen. Fra' Georg Lengerke
01:56
August 8, 2019
190807 18. Woche i. Jkr. Mi Mit den Fernen nah Mt 15,21-28
Wieder entspricht Jesus nicht dem Bild, das wir gerne von ihm hätten. Eine Heidin wendet sich an ihn mit einer großen Not. Jesus verweigert sich ihr. Die schroffe Abweisung Jesu ist zutiefst irritierend. Wir können sie nur im Zusammenhang der ganzen Botschaft des Neuen Testamentes verstehen. Es bleibt ja wahr, dass die „Gnade Gottes erschienen ist, um alle Menschen zu retten“ (Tit 2,11), dass einmal „alle Menschen“ das Heil Gottes schauen werden (Lk 3,6) und dass das Heilswerk Jesu Christi „allen Menschen“ zugutekommen soll (Röm 5,18). Hier geht es auch nicht um die Frage, ob sich jemand (und wer) diesem Heilswillen Gottes dauerhaft widersetzt oder nicht. Hier geht es darum, wie das Heil Gottes zu den Menschen kommt. Nun, durch Gott selbst, der in Jesus Christus ein Mensch wird. Nur durch Gott. Aber nicht durch Gott allein. Sondern durch ihn – mit den Seinen. „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“, begründet Jesus seine Ablehnung gegenüber der Heidin. Warum? Weil es Israel, weil es sein Volk ist, durch dessen Zeugnis er selbst durch alle Zeiten und an allen Orten zu allen Menschen kommen will. Auch um der Kanaanäer Willen will Jesus sein Volk zu dem Ort machen, an dem sie und alle Heiden nach Pfingsten ihm begegnen können. Solange will die Kanaanäerin nicht warten. Sie tritt mit ihrem Glauben hinzu und kommt dem Pfingstfest zuvor. Den gibt es bis heute: den Glauben der Fremden, die von der Kirche besser denken als wir Kirchlichen. Schenke uns Herr, die Sehnsucht der Fernen nach Dir. Damit wir zusammen mit ihnen zurück in Deine Nähe finden. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:04
August 7, 2019
190806 Verklärung des Herrn C Wie aufgewacht Lk 9,28b-36
Das heutige Fest heißt im Lateinischen „Transfiguratio“, also „Umwandlung“. Drei Jünger erleben in der Abgeschiedenheit eine Veränderung Jesu. Es geht helles Licht von ihm aus. Er spricht mit Mose und Elija über sein Ende in Jerusalem. Eine Wolke hüllt sie ein und eine Stimme sagt: „Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören.“ Im Deutschen nennen wir das Fest „Verklärung“. Mich wundert das immer ein wenig. „Verklärung“ bedeutet doch normalerweise eine Idealisierung. Hier jedoch bedeutet „Verklärung“ eine Veränderung, die nicht idealisiert, sondern im Gegenteil realisiert. Sie ist im Voraus die Klärung jener Wirklichkeit, die bis Ostern noch verborgen ist: Der Mensch Jesus wird offenbart als Gott der Sohn, um den es dem Gesetz (Mose) und den Propheten (Elija) ging. Von den drei Jüngern heißt es, sie hätten geschlafen und seien aufgewacht. Es ist genau umgekehrt, als viele denken: Jesus erkennen heißt nicht träumen. Ihn erkennen heißt erwachen. Aus den unklaren Bildern der gefallenen Welt erwachen die Jünger und erkennen: Jesus ist der Christus, auf den hin das Gesetz gegeben wurde und von dem die Propheten gesprochen haben. Er ist es, in dem Gott unser Leben zur Gänze zu seinem macht, damit wir Anteil am Leben Gottes bekommen. Auf ihn sollen wir hören, wenn wir wissen wollen, was erwachtes Leben eigentlich ist. Das Wort aus Ps 17 gilt nicht erst von der Auferstehung, sondern schon von der Erkenntnis des Auferstandenen in der Welt: Ich will „mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache.“ (V. 15) Fra' Georg Lengerke
01:59
August 6, 2019
190804 18. So i. Jkr. Noch in dieser Nacht Lk 12,13-21
Gestern Morgen war ich mit meiner Schwester einkaufen. Zwei Hosen, ein Jackett, Socken etc. und ein paar Schuhe. Wenn um mich das Kaufen zum Kult wird, fühle ich mich unwohl. Meine praktisch, ästhetisch und humorig gut aufgestellte Schwester hilft mir dann immer, nicht zum Miesepeter zu werden und den notwendigen Einkauf nicht eilends abzubrechen, weil das Alte ja doch noch eine Weile geht. Auf dem Rückweg im Zug nach München hörte ich dann von einer älteren Bekannten, die man unvermittelt tot in ihrer Wohnung fand. Das Gleichnis vom reichen Mann zeigt uns den Menschen, für den haben leben bedeutet und mehr haben länger leben. Nicht der Reichtum ist sein Problem, sondern dass er vergaß, dass er sich Zukunft nicht kaufen kann, und dass er das, was er hat, für andere hat. „Es ist das Brot des Hungrigen das du aufhebst, es ist das Kleid des Nackten, dass du im Zimmer bewahrst, es ist der Schuh des Unbeschuhten, der bei dir vermodert,“ sagt der hl. Basilius. Das ist nicht nur katholische Soziallehre, sondern die Erinnerung daran, dass wir in einer Gemeinschaft leben, die über den Tod hinausgeht, und dass dieser Tag womöglich mein letzter ist. Hinter mir liegt eine Woche geteilten Lebens. Haus, Essen, Wissen, Rat, Freude, Spiel, Tränen und Trost… alles war geteilt. So will ich leben. Ich will keinen größeren Kleiderschrank. Doch mit meinen alten Klamotten kann ich keinen mehr beglücken. Aber wenn diese Nacht meine letzte ist, dann freue ich mich auf den, dem die neue Jacke (Größe 106) noch eine Weile Freude macht – bis wir uns wiedersehen. Fra' Georg Lengerke
02:02
August 4, 2019
190803 17. Woche i. Jkr. Sa Verlier dein Gesicht! Mt 14,1-12
Wenn wir sagen, „jemand verliert sein Gesicht“, dann meinen wir nicht Augen, Nase und Mund. Gemeint ist: das Bild der Anderen von ihm erweist sich als falsch. Die Sorge, das Gesicht zu verlieren, bewahrt uns davor oder führt dazu, eine Menge dummes Zeug zu tun. Letzteres dann, wenn wir für etwas gehalten werden, was wir nicht sind, und versuchen, dem falschen Bild treu zu bleiben. So geht es dem König Herodes. Es ist Gelage und spät geworden. Die Tochter seiner Schwägerin, mit der er ein Verhältnis hat, hat getanzt. Der König –betrunken und lüstern – verspricht dem Mädchen, ihr jeden Wunsch zu erfüllen. Sie berät sich mit ihrer Mutter. Der ist der Täufer und seine Gewissensstimme im Ohr des Königs im Weg. Und so fordert das Kind mit der Mutter den Kopf des Täufers Johannes. Der König will sein dummes Wort halten und für einen Ehrenmann gehalten werden. Er will sein Gesicht nicht verlieren – und verliert stattdessen sein Gewissen. Ein schlechter Tausch. Das kann der schmerzvollste und glücklichste Moment in meinem Leben sein: Einzugestehen, dass ich das falsche Bild abgebe, dass ich ein Anderer bin als der, den ich aus mir gemacht habe. Dieses andere, verleugnete Ich soll mein Freund werden. Weil es Gottes Freund ist. Weil Gott es kennt und lieb hat und es in die Güte, ins rechte Leben ruft. Dieses wahre Ich ist das von Seinem Wort geformte Bild Gottes. Hätte ihm das doch jemand gesagt, dem König: Es ist besser, Du verlierst Dein falsches Gesicht, Herodes! Denn „als Bild Gottes schuf er Dich“ (vgl. Gen 1,27) Fra' Georg Lengerke
02:06
August 3, 2019
190802 17. Woche i. Jkr. Fr Die Kinder Gottes gehen weiter Mt 13,53-58
Die Gleichnisse in Mt 13 handeln von der Aufnahme oder Ablehnung, dem Verstehen und Tun des Wortes Gottes, von Verantwortung und Gericht und der uns verbleibenden Zeit. Gerahmt werden sie von zwei Begegnungen mit den Nächsten Jesu. Davor spricht Jesus beim Besuch seiner Verwandten über die neue Verwandtschaft derer, die den Willen Gottes tun (Mt 12,46-50). Danach wird Jesus bei seinem Besuch in Nazareth nur nach den Mustern und Vorstellungen seiner natürlichen Verwandtschaft beurteilt. Er ist und bleibt „des Zimmermanns Sohn“. Heute endet eine Woche Kinderkatechese am Niederrhein. Viele der Kinder und Jugendlichen (zw. 13 und 17) ahnen den Konflikt Jesu: Wir sind mehr und anderes als das, was unsere Väter und Mütter, Geschwister und Verwandten von uns denken oder erwarten. Erst in der neuen Verwandtschaft derer, die miteinander nach dem Willen Gottes fragen und ihn tun wollen, kommt zum Vorschein, wer wir wirklich sind. Damit das geschieht, müssen wir neu nach Jesus Christus fragen. Viele junge Menschen tun das schon. Sie nehmen Christi Wort und Wirken sehr viel ernster als die gewöhnten Nazarener in der Kirche unserer Tage. Diese wissen genauso Bescheid und haben Jesus längst zur Projektion ihres jeweiligen Lagers und ihrer Wunschkirche gemacht. Jene wollen von ihm lernen, mit ihm verbunden leben und lieben und ihn einmal von Angesicht zu Angesicht sehen. Die Kinder Gottes aus Wahl und Entscheidung werden mit Christus und seiner Kirche weitergehen. Die Nazarener bleiben zurück. Fra' Georg Lengerke
01:57
August 2, 2019
190801 17. Woche i. Jkr. Do Habt Ihr verstanden? Mt 13,47-52
Nach dem bedrohlichen Ende der Gleichniserzählungen in Mt 13 bekommt Jesus auf seine Frage eine lapidare Antwort. Für mein Empfinden zu lapidar: „Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.“ (Mt 13,51) Keine Rückfrage, keine Erklärungen. Aber gut, vielleicht haben die Jünger damals wirklich verstanden, worum es Jesus geht. Heute dagegen haben wir ein grundlegendes Verständnisproblem. Entweder weil eine Glaubensaussage unverständlich und gar nicht erklärbar ist, oder weil sie bloß unverstanden ist und nicht erklärt wird. Unverständliches mag man abschaffen. Aber bloß Unverstandenes muss erklärt und verständlich gemacht werden, wenn es verständige Christen geben soll. In einem der ersten Credokurse in Ehreshoven begann eine Frau in der Einheit über „Kreuz und Erlösung“ zu weinen. Ich schlug eine Pause vor. Doch vorher musste sie schluchzend noch etwas loswerden: „Ich bin jetzt 40 Jahre gefirmt. Und das hat mir nie jemand so erklärt, dass ich es verstanden hätte. Hätte ich es verstanden – ich hätte anders gelebt.“ Wir leben in einer Übergangszeit, in der viele kirchlich sozialisierte Leute noch immer so tun, als ob im Glauben alles klar wäre und sie keine Fragen hätten. Bevor wir uns all dessen entledigen, was wir für unverständlich halten, obwohl es nur unverstanden ist und sich noch keiner fand, der es uns verständlich gemacht hätte, sollten wir alles dafür tun, einander den Glauben der Kirche verstehen zu helfen. Glaubensbildung tut Not, wenn der christliche Glaube bei uns nicht einfach verschwinden soll. Fra' Georg Lengerke
02:04
August 1, 2019
190731 17. Woche i. Jkr. Mi Was Gnade wert ist Mt 13,44-46
Der christliche Glaube sagt, dass sich die Nähe, Güte und Freundschaft Gottes keiner verdienen kann. Daraus hat das heutige Lebensgefühl gemacht, die Gaben Gottes seien umsonst. Zu deutsch: die gibt’s einfach so. Dem widersprach bereits in den 1930ger Jahren Dietrich Bonhoeffer und stellte dem Klischee der „billigen Gnade“ die „teure Gnade“ gegenüber: „Billige Gnade“ schreibt Bonhoeffer, „heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. […] Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge.“ Dagegen ist für Bonhoeffer „Teure Gnade […] der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt.“ Die Gnade Gottes ist in der Tat umsonst. Aber wenn wir sie annehmen, darf sie alles kosten, und alles bekommt eine neue Wertigkeit von ihr her. Die „teure Gnade“ beschreibt vor allem unseren Wert für Gott: Für Gott sind wir die kostbare Perle und der Schatz im Acker, die er sucht und findet und um derentwillen er alles drangibt – selbst das Leben seines Sohnes – damit wir die Seinen werden. „Teure Gnade“, sagt Bonhoeffer, „ist Menschwerdung Gottes“ (in: Nachfolge, 1937). Fra' Georg Lengerke
02:15
July 31, 2019
190730 17. Woche i. Jkr. Di Wer uns sät Mt 13,36-43
Heute deutet Jesus das Gleichnis vom Unkraut und Weizen. Der gute Samen, sagt Jesus, sind „die Kinder des Reiches“, das Unkraut sind „die Kinder des Bösen“. „Kinder“ bezeichnet hier aber keine Abstammung, sondern eine gewählte Zugehörigkeit. Es wird nicht gesagt, die einen seien gut, die anderen böse geschaffen. Der einzige Schöpfer ist Gott, der alle Menschen auf die Gemeinschaft mit ihm hin geschaffen hat. Hier geht es darum, woher wir leben und wovon unser Leben erzählt. Ob es von der Liebe Gottes erzählt, die sich um den Preis des eigenen Lebens auf uns einlässt, um uns einzulassen bei sich (vom Reich); oder vom Argwohn wider den Nächsten, von der Verdächtigung der Liebe und vom Misstrauen gegen alles Gute (vom Bösen). Das, was unser Leben erzählt, bewegt uns und steht hinter uns. Von dem, was unser Leben erzählt, sind wir gesandt. So wie die gesäte Saat ein Gleichnis für das gesendete Wort Gottes ist, so ist hier die gute oder böse Saat Gleichnis für unsere Sendung in die Welt und die Botschaft, von der unser Leben erzählt – von Gottes Reich oder vom Bösen (mit lauter Schattierungen dazwischen). Dem geht eine lange Reihe Entscheidungen, vielleicht sogar eine Grundentscheidung voraus. Für die werden wir uns einmal verantworten müssen, wenn wir – wie bei einer Ernte – eingesammelt werden zu Gott hin. Am Ende, schreibt C. S. Lewis, wird es zwei Arten von Menschen geben: jene, die zu Gott sagen „Dein Wille geschehe“, und jene zu denen Gott sagt „Dein Wille geschehe“. Zu welcher Art wollen wir gehören? Fra' Georg Lengerke
02:01
July 30, 2019
190728 17. So i. Jkr. In Versuchung geführt Lk 11,1-13
Jesus lehrt die Jünger beten: „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Lk 4,11). Auch jene, die sich von Gott führen lassen, geraten in Versuchung. Selbst Jesus, der ganz vom Vater Geführte, wurde immer wieder versucht. Versuchungen sind unvermeidbar, weil wir in die wirkliche Welt gesandt sind, wo die Plausibilität des Bösen uns auf die Seelenpelle rückt, wo noch die besten Begabungen Anlass zur Versuchung werden, wo Widerstände uns Halt geben oder uns das Gutsein schwer machen. In der Tat: Gott führt uns auch dorthin, wo wir versucht werden. Aber er ist nicht der Versucher, der unser Böses will (Jak 1,13). Das griechische Wort peirasmos heißt Versuchung, aber auch Prüfung und Bewährung. All dem begegnen wir auf den Wegen, die er uns sendet: Er braucht uns, wo es gefährlich ist. Er prüft uns, damit wir wissen, wie es um uns steht. Er will, dass wir uns bewähren in der Überwindung des Bösen. Er gibt uns Halt und richtet uns auf an dem, was uns widersteht, damit wir in allem Guten wachsen. Gott, Du führst mich auf Wegen mit Prüfungen, Bewährungen und Versuchungen. Auf ihnen erkenne ich meine Schwächen und Stärken. Auf ihnen finde ich Halt und lerne den Aufbruch. Auf ihnen werde ich geübt im geistlichen Kampf. Auf ihnen wachse ich an dem, was Du mir zumutest. Du, Herr, verantwortest alles, was mir begegnet. Lass mich nicht dahin kommen, wo der Versucher Macht über mich gewinnt. Lass nicht zu, dass ich über meine Kraft versucht werde. Und wenn es sich vermeiden lässt, führe mich nicht in Versuchung. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:06
July 28, 2019
190727 16. Woche i. Jkr. Sa Geduld mit Gott Mt 13,24-30
Viele Ordensgründer haben ihren Gemeinschaften umfangreiche Schriften hinterlassen. Die Malteser haben von ihrem Gründer nur einige Wortfragmente. Dazu gehört die vermessen klingende Aussage Gerhards, es werde seinen Orden geben, solange es Menschen gebe, die helfen würden „Not zu lindern und Leiden erträglicher zu machen“. Klingt das nicht nach einem zu bescheidenen Ziel? Warum steht da „lindern“ und „erträglicher machen“ und nicht „aus der Welt schaffen“ und „vernichten“? Seitdem der Mensch leidet, träumt er von einer leidfreien Welt. Aber immer, wenn er dazu ansetzte, diesen Traum radikal zu verwirklichen, geschah das zulasten Hunderttausender von Toten. Wer das Leiden abschaffen will, schafft früher oder später auch die Leidenden ab. Davon redet das Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen. Wir können das Böse überwinden, den Schmerz eindämmen, das Leid lindern. Aber sobald wir es auszurotten versuchen, rotten wir das Leben und die Lebendigen aus. Die christliche Offenbarung sagt, dass das Böse in der Welt zwar noch mächtig, aber zugleich schon besiegt ist. Wir sollen und können den von Gott besiegten Feind überwinden und eindämmen, uns und einander vor ihm schützen und ihn ins Leere laufen lassen. Vernichten wird ihn Gott, wenn die Welt und wir mit ihr bei ihm ans Ziel kommen. Solange brauchen wir die Gaben des Heiligen Geistes, vor allem Geduld. Tomas Halik hält das für die wichtigste Tugend. Er schreibt: Liebe ist Geduld mit den Anderen. Hoffnung ist Geduld mit sich selbst. Glaube ist Geduld mit Gott. Fra' Georg Lengerke
02:11
July 27, 2019
190726 16. Woche i. Jkr. Fr Frucht des Verstehens Mt 13,18-23
Heute erklärt Jesus das Gleichnis von der Saat (Mt 13,3-9). Bevor wir das Wort Gottes verwirklichen, sollen wir es verstehen und Voraussetzungen schaffen, dass es Frucht bringen kann. Jesus nennt drei Hindernisse, die wir mit ihm überwinden können: 1. Unverständnis. Wir sollen das Wort Gottes verstehen. Das unverstandene Wort wird uns weggenommen, so wie die Vögel die Saat vom Weg fressen. Es geht beim Glauben nicht bloß um ein Gefühl; es geht zugleich um ein Verstehen. Erst im Verstehen schlägt das Wort Wurzeln. Zu diesem Verständnis können wir einander helfen. 2. Euphorie. Auch im Bereich des Glaubens gibt es eine falsche Begeisterung, die keinen Bestand hat. Man meint, nun würde sich alles ändern. Doch schon beim nächsten Zahnschmerz ist alles futsch – wie das Pflänzchen am Wegrand, das wurzellos von der Sonne verbrannt wird. Es gilt, das „Wurzelnlassen“ im gemeinschaftlichen Verstehen des Wortes Gottes zu üben, bevor in der Hitze einer kommenden Krise verbrennt, was keine Wurzeln hat. 3. Sorgen. Schließlich wird das Fruchtbringen des Wortes Gottes von dem erstickt, was statt seiner behauptet, für uns lebensrettend zu sein. Das sind, sagt Jesus, „der trügerische Reichtum und die Sorgen der Welt“. Der Reichtum trügt, weil er verspricht, was er nicht halten kann. Die Sorgen der Welt sind die Prioritäten aller Anderen, die behaupten auch auf uns Anspruch zu haben. Unterscheiden und Entscheiden hilft. Entscheidend ist, dass das Wort Gottes wirkt. Es bringt Frucht. Mitverwirklichen dürfen ist unsere Berufung und unser Glück. Fra' Georg Lengerke
02:11
July 26, 2019
190724 Do Fest d. hl. Jakobus d.Ä. Gewissensfragen zu Dienst und Macht Mt 20,20-28
Über den Missbrauch von Macht durch die Mächtigen sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Bei euch soll es nicht so sein.“ Also: Bei mir soll es nicht so sein. Jesus meint nie die Kirche allgemein, sondern immer auch mich. Ihr und mein blinder Fleck überschneiden sich. Und selten ist Jesus so streng, wie dort, wo es um den Dienst der Jünger Jesu verbunden mit Ihm geht. Einige Gewissensfragen an mich und die Kirche zum Thema Dienst und Macht: Bin ich selbst am Dienst an den Menschen? Oder lasse ich durch andere, scheinbar Besserqualifizierte dienen? Macht mich die Zugehörigkeit zu den Maltesern oder zur Kirche schon zu einem Diener der Armen und Kranken? Und machen die Dienstleistungen der Kirche diese zu einer „dienenden Kirche“? Ähnelt mein Dienst und ähneln die Dienste der Kirche der Art und Weise Jesu, den Menschen zu dienen? Sind sie ein Dienst zusammen mit ihm und in seinem Namen? Wo werden mein Dienst und die Dienstleistung der Kirche zu einem geistlichen, politischen, sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Machtfaktor? Und wie sehr hänge ich an dem? Was werde ich sagen und tun, wenn demnächst in Deutschland mehr Leute von der Kirche Geld bekommen als das Wort Gottes und mehr Menschen für die Kirche arbeiten als sonntags zur Kirche gehen? Ich weiß, dass es keine einfachen Antworten gibt. Und ich habe keine Antworten für die Kirche. Ich weiß nur, dass es so nicht weitergehen kann. Deshalb bereiten mir alle diese Fragen derzeit sehr große Not. – Gott wird antworten. Fra' Georg Lengerke
02:00
July 25, 2019
190724 16. Woche i. Jkr. Mi Ohren zum Hören Mt 13,1-9
Auf das Bild von der Saat und den verschiedenen Böden kommen wir am Freitag nochmal zurück, wenn Jesus selbst es erklärt (Mt 13,18-23). Heute bleibe ich beim kurzen Ruf am Schluss hängen: „Wer Ohren hat, der höre.“ (Mt 13,9) Denn dass ich Ohren habe, heißt eben noch lange nicht, dass ich auch höre. Es gibt Dinge, die überhöre ich – entweder absichtlich oder unbewußt. Ich höre zwar, aber höre nicht hin, sondern weg. Ich verhöre mich oder höre nur, was ich hören will. Ich höre alles Mögliche, aber das Entscheidende höre ich nicht heraus. Die „Ohren“ sind hier mehr als ein Hörorgan, sondern tiefer noch die Fähigkeit, wahrzunehmen und zu verstehen, was Gott mir im Wort der Zeugen sagen will. Denn auch mit Gott gibt es ein Überhören, Hin- oder Weghören, Verhören und Heraushören… Jesus sagt den Menschen von seiner bis in unsere Zeit: Wer die Gabe hat, mein Wort zu vernehmen und zu verstehen, der gebrauche sie auch. Der Philosoph Jürgen Habermas hat sich selbst als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet. Er wollte vermutlich sagen, dass er auf einer bestimmten Frequenz nicht vernimmt, wovon die Gläubigen sagen, dass sie es gehört und geglaubt haben. Aber derselbe menschgewordene Gott spricht zu uns eben auf vielen verschiedenen – ja eigentlich auf allen Frequenzen. Und geistliche Wahrnehmung kann man miteinander üben. Daher ist hier wohl auch gemeint, was Jesus neulich über das rechte Hören sagte. Wörtlich übersetzt steht da: „Achtet darauf, wie Ihr hört!“ (Lk 8,18) Fra' Georg Lengerke
01:55
July 24, 2019
190723 Di Fest d. hl. Birgitta Getrennt von mir Joh 15,1-8
Das Bild vom Weinstock veranschaulicht die Verbundenheit zwischen Christus und seinen Jüngern – und ihre mögliche Trennung. Kann es die geben? Ja. Denn Gott hat sich in seiner Menschwerdung zwar unwiderruflich mit uns verbunden. Aber ob wir mit ihm verbunden sein wollen oder nicht, liegt bei uns. Das ist ja der christliche Unterschied: nicht der zwischen gut oder böse, großzügig oder geizig, tolerant oder intolerant. Das alles findet sich unter Christen und Nichtchristen. Christ ist, wer sich in Glaube und Bekenntnis mit Gott verbindet, der sich in seiner Menschwerdung mit allen Menschen verbunden hat. Wo diese Verbindung nicht verwirklicht wird, fehlt das Entscheidende: Getrennt von ihm, sagt Jesus, können wir nichts vollbringen und bleiben (trotz allen Aufwands) letztlich wirkungslos. In dieser Gefahr sind wir einzeln und als Gemeinschaft. Hierzulande ist in weiten Teilen der Kirche, in ihren Veröffentlichungen, ihren Unternehmen und Dialogprozessen von Jesus Christus, seinem Wort und Wirken, von seiner Weise für uns und für die Anderen da zu sein, gar nicht mehr die Rede. Oftmals erscheint sie da lebendig und aktiv, modern und politisch relevant. Aber wo Gott nicht mehr erkennbar vorkommt, ähnelt sie dennoch der Gemeinde in Sardes (Kleinasien), zu der der Engel Gottes sagt: „Dem Namen nach lebst du, aber du bist tot.“ (Offb 3,1) In der Heiligen Messe gibt es ein stilles Gebet des Priesters vor der Kommunion, das mir sehr lieb ist. Es endet mit den Worten: „… und lass nicht zu, dass ich jemals von Dir getrennt werde.“ Fra' Georg Lengerke
01:54
July 23, 2019
190721 16. So i. Jkr. Fragst du nicht nach mir? Lk 10,38–42
Die heilige Marta ist die Patronin der neuen Kapelle in der „Kommende junger Malteser“ in München. Obwohl sie für viele die ungerecht behandelte Patronin ungerecht behandelter Hausfrauen ist. Wir jedoch gehören zu ihr wegen ihres Charismas, wegen ihrer Gefährdung und als Anwältin unserer Not. Ihr Charisma ist es, Gastgeberin und Hausherrin zu sein. Von ihr, nicht von Maria, wird gesagt, sie habe Jesus gastlich in ihrem Haus aufgenommen. Im Johannesevangelium eilt sie ihm sogar entgegen und ist die erste Bekennerin seiner Gottessohnschaft! (Joh 11,27) Martas Gefährdung ist auch die unsere. Sie war vor lauter Diakonia überbeansprucht, heißt es im Griechischen (Lk 10,40). Daher wird sie korrigiert: Sie muss lernen, hinzuhören – sowohl selbst, als auch indem sie sich von Maria erzählen lässt. (Letzten Sonntag war beim barmherzigen Samariter von der gegenteiligen Versuchung die Rede, über das Gebet den Dienst und den Armen zu vergessen.) Schließlich bringt Marta die Not des arbeitenden Menschen vor Jesus, nicht gesehen zu werden. Sie beklagt sich nicht bloß über Maria. Sie sagt „fragst du nicht danach?“ (Lk 10,40) – Fragst Du nicht nach mir? Siehst Du nicht meine Not und Erschöpfung, mein Alleingelassensein im grauen Tagein-Tagaus? Marta und Maria sind füreinander berufen: Die eine dient, damit die andere beten kann, weil es uns um Gott gehen soll; die andere betet, damit die eine dienen kann, weil es uns mit Gott um die Menschen gehen soll – und damit sie ihr ausrichtet, dass und wie sehr Gott nach ihr fragt und sich freut an ihrem Dienst, an ihrer großherzigen Liebe und an ihrem offenen Haus. Fra' Georg Lengerke
02:09
July 21, 2019
190720 15. Woche i. Jkr. Sa Die leise Macht Mt 12,14-21
Im Urlaub war ich im Kino. Ich gebe zu: Ich habe Godzilla 2 gesehen. Ein großes Spektakel um ein „messianisches“ Supermonster, das von allen gefürchtet, dennoch Welt und Menschheit vor bösen Supermonstern rettet. Eine Macht, die die Welt retten kann, stellen sich die Menschen fast immer als gewaltige Übermacht vor. Der Prophet Jesaja dagegen kündigt einen Retter an, dessen Macht diametral anders ist. Es ist eine leise Macht, die nicht zankt und keinen Lärm macht, das geknickte Rohr nicht bricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Der Evangelist sagt uns, diese Macht sei mit Jesus in die Welt gekommen. Ist das die Macht, auf die wir zählen, wenn es um die Erneuerung der Kirche und (vor allem!) unseres eigenen Lebens geht? Es wird viel gezankt, laut gerufen und tosend applaudiert. Viele brennen lichterloh für alles Mögliche. Und die Kirche soll nicht Strohhalm (und ein geknickter schon gar nicht), sondern ein mächtiger Organismus sein, der reich und reichlich wächst... Das alles kann ja sein. Aber wo sind die, welche die leise Stimme des Gottesknechtes hören und aufnehmen? Wo sind die, die den glimmenden Docht hüten, der nicht ausgehen, und nach dem geknickten Rohr schauen, das nicht brechen darf? Denn einmal kommt einer, der leise das entscheidende Wort sagt, der den glimmenden Docht ins Öl wirft, damit das eine erleuchtet und das andere verbrannt wird; einer, der aus dem geknickten Rohr noch einmal das Körbchen für Mose flicht, damit das Volk Gottes aus der Sklaverei findet. Fra' Georg Lengerke
02:01
July 20, 2019
190719 15. Woche i. Jkr. Fr Sabbatical Mt 12,1-8
Im Streit um den Umgang mit dem jüdischen Gesetz wehrt sich Jesus immer gegen zwei Unterstellungen: die, das Gesetz abschaffen zu wollen, und die, das Gesetz um seiner selbst willen stehen zu lassen. Darum geht es auch bei dem Vorwurf, den Sabbat zu brechen, als er im Feld mit seinen Jüngern Ähren abreißt, um die Körner zu essen. Aber die ratio legis, der Sinn des Gesetzes, besteht darin, die notwendigen Bedingungen zu schaffen, dass Gott für den Menschen und der Mensch für Gott und mit Gott für seinen Nächsten da sein kann. Für Sabbat und Sonntag gilt das besonders – vor allem je größer der Druck wird, dass wir produktiv, effektiv und nützlich funktionieren. Dafür werden uns heute drei Bedingungen genannt. Die erste ist der alte theologische Grundsatz, dass die Gnade die Natur voraussetzt. Die Ruhe mit und vor Gott setzt voraus, dass ich zuerst dem ärgsten Hunger abhelfe. Die Abhilfe dieser konkreten Not geht vor (und das stellt eine besondere Herausforderung für die Sonntagsruhe der „notorischen“ Helfer dar). Der zweite ist, dass Jesus für die Seinen sorgt. Es geht ihm um sie und ihre Beziehungen zueinander (Barmherzigkeit), nicht allein um etwas von ihnen (Opfer). Den Sonntag halten heißt auch: erlauben, dass Gott für uns da ist und danach zu fragen, auf welche Weisen das geschieht. Und schließlich geht es am Sonntag um ihn. Hier wird sehr deutlich, wie begrenzt Jesus als Vorbild taugt. Er ist „Herr über den Sabbat“. Wir sind es nicht. Und das ist sehr gut so. Fra' Georg Lengerke
01:59
July 19, 2019
190718 15. Woche i. Jkr. Do Was leicht ist Mt 11,28-30
Den Mühseligen und Beladenen in der Welt sagt Jesus, sein Joch sei sanft und seine Last sei leicht. Mit "Joch" ist der Dienst gemeint, in dem wir stehen, die Lebensschule, in die wir gehen, die Zugehörigkeit, die wir gewählt haben. Wir sollten weder so tun, als sei diese Leichtigkeit eine Selbstverständlichkeit, noch sollten wir behaupten, Jesus hätte nur gemeint, wir sollten seine Botschaft „nicht so schwernehmen“. Denn die meisten Menschen würden schlicht widersprechen: Es stimmt gar nicht, dass die Nachfolge Jesu leicht ist! Es ist schwer, nicht zu lügen, zu den Bösen gut zu sein und mit den Nervensägen geduldig. Es ist hart, treu zu bleiben und niemanden für meine Bedürfnisse zu verzwecken. Und es kostet uns viel, in einer ungerechten Welt gerecht, in der Lieblosigkeit liebevoll und in einem korrupten Umfeld unbestechlich zu sein. Aber was ist es, das uns das Gutsein schwer macht? Wenn die Güte Gottes unserem Wesen entspricht, dann ist unsere gottgemäße Antwort unser eigentliches Leben und unser größtes Glück. Dass Gott unser Leben schwer mache, ist entweder ein von unerlösten Christen befördertes Vorurteil oder schlicht eine Lüge. Nicht Gott entfremdet uns von uns selbst, sondern die „Mächte und Gewalten“ in der Welt (Eph 6,12). Nicht Gott macht mit seinem „Gutseinsollen“ unser Leben in der Welt schwer, sondern das „Seinsollen wie die Welt“ macht unser „Mit-Gott-Sein“ schwer, das Leben in Fülle ist. Wir dürfen die Knechtschaft in der Ferne nicht mit der Freiheit in seiner Nähe verwechseln. Fra' Georg Lengerke
01:59
July 18, 2019
190717 15. Woche i. Jkr. Mi Was den Unmündigen offenbart wird Mt 11, 25-27
"Ich preise Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast." (Mt 11,25) Soll das heißen, dass der Sinn des Evangeliums den Gebildeten verborgen bleibt, sich aber den Ungebildeten erschließt? Soll das heißen, dass die Intelligenten den Willen Jesu nicht verstehen, die Dummen dagegen schon? Immer wieder sei's gesagt: Wir dürfen Jesus nicht zum Anwalt unserer eigenen Vorurteile machen. Immer bürstet er unsere falschen Gewissheiten gegen den Strich. Er sagt: Es gibt eine Weise gebildet, informiert und bescheidwissend zu sein, die uns zu Bedenkenträgern macht, die am Verständnis der Liebe Gottes gehindert sind. Und es gibt eine Einfachheit, Unverstelltheit und Grundoffenheit, die uns vorbehaltlos für das Wort und Wesen Gottes offen sein lässt. Die "Unmündigen", das sind die, die mehr vom Geschenktbekommen als vom Nehmen leben, mehr vom Schenken als vom Haben, mehr vom Offenbartbekommen als vom Herausfinden, mehr vom Staunen als vom Bescheidwissen, mehr vom Fragen als vom Antworten, mehr vom Nachfolgen als vom Vorangehen und mehr vom Vollendetwerden als vom Vollenden. Und gleichgültig, woher immer wir kommen und wie viel wir haben lernen dürfen, egal ob wir belächelt werden oder absteigen müssen: Um die Herzensbildung der „Unmündigen“ soll es uns gehen. Zu ihnen sollen wir gehören wollen. Um Gottes Willen. Fra' Georg Lengerke
01:51
July 17, 2019
190716 15. Woche i. Jkr. Di Wehe, wehe Mt 11,20-24
„Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe“, heißt es im Prolog von „Max und Moritz“. Ihre Streiche sind amüsant. Ihr Ende nicht. Die Pädagogik Wilhelm Buschs hat sich nicht bewährt. Aber die Warnung vor dem bösen Ende bleibt aktuell – nicht nur, wenn es um das ökologische oder politische Klima geht. Auch die Dörfer Chorazin und Betsaida hören ein „Wehe, wehe …!“ Doch geht es nicht um Streiche, sondern darum, dass in Jesus Gott selbst leibhaftig in ihrer Mitte war und sie ihn nicht angehört, nicht aufgenommen und sich nicht bekehrt haben. Auch im irdischen Leben mit Gott gibt ein „zu spät“, weil auch hier jeder Augenblick einmalig und je jetzt schon vorüber ist. Das heißt nicht, dass Gott nicht noch immer wirkt und aus allem noch etwas Gutes machen kann. Aber wenn der jeweils eine Augenblick vertan ist, ist alles weitere Gottes Plan B mit mir… Nur wir Menschen sind fähig, zu unserer Vergangenheit Stellung zu nehmen – sei es in Dankbarkeit oder in Reue. Beidem sollen wir uns stellen: dem, was wir angenommen und dem, was wir verworfen haben. Dank und Reue öffnen uns beide für die versprochene Gegenwart Gottes und sein Wort und Wirken in und unter uns. Du warst bei mir, Herr, und ich nicht bei Dir. Du hast gesprochen und ich habe nicht gehört. Du hast Wunder gewirkt und ich habe mich nicht gewundert. Schenke mir ein bereites und williges Herz, damit ich Dich nicht versäume und mein Leben von Deinen Worten und Wundern erzählt. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:01
July 16, 2019
190630 13. Woche i.Jkr. So Was zuerst kommt Lk 9,51-62
Es gibt Begegnungen, in denen, wie man so sagt, Jesus nicht besonders sympathisch rüberkommt. Doch immer, wenn Jesus herb, streng und abweisend wirkt, geht es um alles. Solange wir Bedingungen für unsere Christusbeziehung stellen, wird es nichts mit unserem Christsein. Dem, der scheinbar großzügig Jesus folgen will „wohin du auch gehst“, wird der Verzicht auf Beheimatung und Planungssicherheit abverlangt. Es geht nicht bloß um Verfügbarkeit. Es geht um eine neue Lebensform. Strenger noch ist Jesus mit denen, die Bedingungen für die Nachfolge stellen. Ein Schlüsselwort steht für die Unvereinbarkeit mit dem Weg Jesu: proton – zuerst. Hätte der, der zuerst seinen Vater begraben möchte, die Zugehörigkeit zu Jesus an die erste Stelle gestellt, dann wäre er entweder mit Jesus zur Beerdigung gegangen oder er hätte keine Ausrede mehr gehabt, noch Jahre bis zum Tod des Vaters zu warten, um an St. Nimmerlein mit dem Glauben ernst zu machen. Hätte der, der zuerst von seiner Familie Abschied nehmen will, an die erste Stelle die Zugehörigkeit zu Jesus gestellt, wäre der Abschied kurz, dankbar und vorfreudig gewesen und nicht ein orientalisch-tränenreiches Mehrtagesfest als gäbe es kein Morgen. Gestern hatte ich eine Trauung. Hätten die Brautleute gesagt: ‚Zuerst müssen wir heiraten, dann wollen wir Dir folgen‘, wäre weder es weder mit der Ehe noch mit der Nachfolge etwas geworden. Wen das Wort und die Stimme Jesu Christi einmal erreicht hat, für den macht alles andere nur noch mit ihm Sinn. Fra' Georg Lengerke
02:03
June 30, 2019
190629 BDZ Sa Petrus und Paulus Im himmel ein- und ausgehen Mt 16,13-19
In der Vorbereitung auf die Priesterweihe nahm die religionspädagogische Ausbildung in Vorbereitung auf den schulischen Religionsunterricht einen großen Raum ein. Während meines Schulpraktikums unterrichtete ich u.a. eine dritte Grundschulklasse in der Nähe von Mainz. In einer Stunde sprachen wir über das heutige Evangelium von der Einsetzung des Petrus als Fels der Kirche und die Übertragung der „Binde- und Lösegewalt“. Ursprünglich dachte ich, die Szene sei für die ca. achtjährigen Schüler zu abstrakt und kompliziert. Aber nachdem ich in der Klasse schon einige Überraschungen erlebt hatte, beschloss ich nach Rücksprache mit meiner Mentorin, es zu wagen. Also fragte ich: „Was mag das denn bedeuten, dass Jesus zu Petrus sagt: ‚Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben‘?“ Nach einer kurzen Stille meldete sich Tankred. Tankred war ein kluger und geistlich sehr wacher Junge, der aber erst sehr spät sprechen gelernt hatte. Daher brauchte er immer ein wenig länger, um aussprechen zu können, was er sagen wollte. Als ich ihn drannahm, sagte er nach kurzem Zögern: „Der Petrus bekam die Schlüssel des Himmelreiches, weil er im Himmel immer ein und ausgehen können sollte…“ Ich merkte, dass Tankred noch nicht mit allem rausgerückt war, was ihm in Kopf und Herz umging. „Ja?“ Dann setzte er hinzu: „Also, der Petrus hat die Schlüssel des Himmelreiches bekommen, weil er so von Gott reden sollte, als wäre er schon mal im Himmel gewesen.“ Fra' Georg Lengerke
01:51
June 29, 2019
190628 BDZ 12. Woche i.Jkr. Fr Festes Herz Jesu Lk 15,3-7
Täglich werden uns erschütternde Bilder des Leids gezeigt. Aber wovon sollen wir uns erschüttern lassen? Wir sollen uns erschüttern lassen von dem, was wir ändern können oder was uns ändern soll (vgl. BDZ vom 8.6.19). Wo beides nicht möglich ist, bleibt die Erschütterung folgenlos. Und die folgenlose Erschütterung ist gefährlich. Sie stumpft uns ab. Gaffer an Unglücksstellen suchen die Erschütterung um ihrer selbst willen – bis sie unerschütterbar werden. Barmherzigkeit ist nicht Weichherzigkeit. Wer einfach nur ein weiches Herz hat, ist allen möglichen Manipulationen ausgeliefert. Er ist hin und hergerissen, dauernd wund, an allem interessiert, für alles zuständig und an allem verzweifelnd. Ein solches weiches Herz blutet aus oder wird zum harten Herz. Weichherzigkeit und Hartherzigkeit sind Nachbarinnen. Ein Herz, das bei den Armen ist, das barmherzig ist, das zur Liebe, zur Tat, zum Mitleiden entschieden ist, ein Herz, das vertraut, dass Gott auch in unseren Untergängen treu ist, darf weder weich noch hart, sondern muss fest sein, entschieden, ausgerichtet, offen für das Gute und dem Bösen verschlossen. So offenbart sich Gott im „Heiligsten Herzen Jesu“, das sich zu den Verlorenen im doppelten Sinn „aufmacht“: empfänglich und auf den Weg. Es ist von uns verwundet und doch unerschütterlich für uns entschieden. „Bilde unser Herz nach Deinen Herzen“, heißt es in einer Herz-Jesu-Litanei, und ein neues Lied bittet: „Gib uns ein festes Herz. Mach es fest in Dir.“ Amen. Fra' Georg Lengerke
02:09
June 28, 2019
190627 BDZ 12. Woche i.Jkr. Do Das Wort sagen, hören, tun Mt 7,21-29
Am Ende der Bergpredigt unterscheidet Jesus jene, die sein Wort hören und danach handeln, von jenen, die sein Wort hören und nicht danach handeln. Die einen gleichen dem Erbauer eines Hauses auf Felsen, das den Unwettern trotzt. Die anderen gleichen dem Erbauer eines Hauses auf Sand, das beim Unwetter zerstört wird. Wir sollen sein Wort nicht nur hören. Wir sollen es hören und tun. Derzeit tut sich allerdings ein anderer Straßengraben auf: Im einen sitzen die, die es folgenlos hören. Im anderen aber sitzen die, die es ungehört tun wollen. Da klar zu sein scheint, was „christliches Tun“ ist, halten viele Christen das Sagen und Hören des Wortes Christi für entbehrlich und bestenfalls für etwas, wovon man „notfalls“ auch noch reden kann. Aus: „Wir sollen das Wort nicht nur hören, sondern auch tun“ wird: „Wir sollen vom Evangelium nicht reden, sondern es tun.“ Der Widerspruch gegen ein unangemessenes, folgenloses oder irrelevantes Gerede hat recht und ist notwendig. Auch hier ist mitunter weniger mehr und Schweigen Gold. Aber das schamhafte Weglassen des weitergesagten Wortes Gottes ist das Ende des Glaubens. Denn man kann ein ungesagtes, ungehörtes und unverstandenes Wort gar nicht tun. Wo sein Wort nicht gesagt und gehört wird, kann es auch nicht verwirklicht werden. Und wo sein Wort nicht weitergesagt und bezeugt wird, da wird auch dem nicht mehr geglaubt, der uns sein Wort gegeben hat. Sein Wort ist notwendig. Es erzählt von einer Liebe, die größer ist als unser Tun und weiter geht als unser Mut. Fra' Georg Lengerke
02:09
June 27, 2019
190626 BDZ 12. Woche i.Jkr. Mi Wolf im Schafspelz Mt 7,15-20
Es ist ein schwerer Vorwurf, jemand sei ein „falscher Prophet“ oder ein „Wolf im Schafspelz“. Ein falscher Prophet ist einer, der Sendungsbewusstsein aber keine Sendung hat; der freundlich tut und Böses im Sinn hat. Falsche Propheten sind Leute, die Wasser predigen und Wein trinken (H. Heine). Falsche Propheten sind smarte, gefällige, karrierebewusste Kirchenleute, die im geschützten Kreis Zyniker sind und bei ihren Opfern oder unter ihresgleichen den Wolf rauslassen. Falsche Propheten sind Leute, die nicht unterscheiden, die Einfaches schwierig, Schwieriges einfach und sich dabei interessant machen. Aber auch wir müssen nach dem Wolf in unserem Schafspelz fragen, wo wir so tun als ob: Wo wir Volkskirche spielen und es nicht sind; wo die Kirche Sozialkonzerne betreibt, in denen keiner Christus kennt; wo wir lügen, ehebrechen, Steuern hinterziehen, Sonntage verleben als gäbe es Gott nicht; wo wir mitmachen, was alle machen, und das dann als „Freiheit der Kinder Gottes“ verkünden. Die falschen Propheten, sagt Jesus, erkennt man an ihren Früchten (Mt 7,16). Das sind nicht die schnellen Erfolge und die mobilisierten Massen. Bis die wahren Früchte zum Vorschein kommen, kann es dauern. Jesus selbst und viele Christen mit ihm wurden als falsche Propheten hingerichtet. Und im Moment seines Todes blieb keine Frucht, außer ein Häuflein trauernder Frauen. Wir sollen „nüchtern und wachsam“ sein, wenn der Teufel hungrig umhergeht (1 Petr 5,6) und „geduldig“ (Jak 5,7), im Erweis der echten Propheten durch die Früchte Gottes. Fra' Georg Lengerke
02:11
June 26, 2019
190625 BDZ 12. Woche i.Jkr. Di Urteilt aber richtet nicht Mt 7,1-5
Es wird oft gesagt, wir sollten nicht urteilen. Vielleicht kommt diese Forderung aus der Erfahrung, dass manche Leute einfach zu schnell eine schlecht informiert fertige Meinung haben und sich dann nichts mehr sagen lassen. Aber genau genommen ist diese Forderung natürlich Unsinn. Wir sollen, ja wir müssen sogar laufend urteilen. Keiner von Euch würde diesen Text jetzt lesen, wenn er nicht vorher geurteilt hätte, dass er das Risiko, sich zu langweilen eingehen will. Genauso unsinnig wäre es, zu sagen, wir sollten nicht nachdenken oder nicht entscheiden. Auch Jesus sagt nirgends, dass wir nicht urteilen sollen. Im Gegenteil, er lehrt uns vor allem, richtig, gut, weise, angemessen und unserer göttlichen Berufung gemäß zu urteilen. Jesus fordert, dass wir nicht richten sollen. Wer richtet, fällt ein letztes Urteil über seinen Nächsten und ist mit ihm fertig. Wenn mein Nächster nicht mehr aus der Schublade kommt, in der ich ihn (vielleicht sogar scheinbar rücksichtsvoll) untergebracht habe, dann habe ich mich zum Richter anstelle Gottes gemacht. Vielleicht hat unser Richten mit unserer Angst vor Gott als Richter und seiner Verdrängung zu tun: Wo die Angst vor einem allzu menschlich gedachten Richter-Gott dazu geführt hat, dass wir Gott nicht mehr Richter sein lassen, da müssen wir selbst richten. Aber die Liebe der Christen – gerade gegenüber den Schwierigen oder schuldig Gewordenen – besteht auch darin, das letzte Urteil über sie Gott zu überlassen. Wir sind alle mehr und anders, als wir scheinen. Gott weiß das. Fra' Georg Lengerke
01:58
June 25, 2019
190623 BDZ 12. Woche i.Jkr. So Leben verlieren und gewinnen Lk 9,18–24
Je länger ich mich mit dem Evangelium beschäftigte, umso kostbarer wird es mir und umso klarer werden mir die schrecklichen Missverständnisse, die es provozieren kann. So heute: Der Menschensohn „muss leiden“, als wäre von Gott so festgelegt. Wir sollen uns „verleugnen“, als sollten wir nicht wir selbst sein. Wir sollen unser Leben verlieren um seinetwillen, als wäre das irdische Leben nichts wert. Je besser wir Jesus Christus und uns selbst kennen, umso besser werden wir verstehen, was gemeint ist und was nicht. Jesus muss nicht sterben, weil Gott das will, sondern weil die Menschen es wollen. Die Liebe Gottes aber muss das aushalten, denn sie will auch aus diesem Allerschrecklichsten das Wunder der Weltenrettung wirken. Wir sollen nicht verleugnen, was wir sind, sondern was wir in dauernder Selbstreflexion zu sein meinen. Wer wir sind, erfahren wir in der Begegnung mit einem anderen Du. Aber um selbstvergessen beim Anderen zu sein, müssen wir uns auf ihn verlassen. Wer sich so auf das Du Gottes (in jedem Antlitz) verlässt, der entdeckt, wer er von Gott her ist. Erst wenn wir unsere Bilder von uns selbst verleugnen, werden wir uns selbst und einander im Angesicht Gottes finden. Wer jedoch für die Liebe Gottes zu den Menschen lebt, für den ist nicht mehr das Leben, sondern das, wofür er lebt das höchste Gut. Wer weiß, wofür sich zu leben und zu sterben lohnt, dem wird sein Leben erst recht kostbar. Aber „wem nichts mehr wert ist als sein Leben, dem ist sein Leben nichts mehr wert.“ (Jörg Splett) Fra' Georg Lengerke
02:10
June 23, 2019
190622 BDZ 11. Woche i.Jkr. Sa Sorgt Euch richtig Mt 6,24-34
Für viele klingt das ideal und naiv: Dass wir uns um den morgigen Tag genau so wenig sorgen sollen, wie die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes. Leicht gesagt, wenn jemand stirbt, ein Kind schwer krank oder keine Arbeit zu finden ist. Jesus sagt nicht, wir sollen uns nicht sorgen. Er sagt, dass wir uns angemessen sorgen sollen. Um herauszufinden, was hier angemessen heißt, helfen mir folgende Fragen: Was kann und soll ich ändern und was nicht? Was sollte mich heute, was später sorgen? Was ist wichtig? Was ist drängend? (Das ist nicht dasselbe!) Was ist beides? Und: Wie schaffe ich es, das Wichtige, was nicht drängend ist, nicht zu vernachlässigen? Mir hilft auch die von Jesus geschilderte Rivalität von Gott und dem Götzen Mammon. Ich stelle mir hinter jeder Sorge ein Du vor, das einen Anspruch an mich hat und damit auch Macht über mich beansprucht. Welcher Sorge und welchem Du dahinter gebe ich Macht über mich? Und schließlich übe ich mich in dem Vertrauen, dass Gott für mich sorgt. Die beste Übung ist Dankbarkeit für schon erfahrene Sorge um mich. Dankbarkeit ist eine Wahrnehmungs- und Vertrauensübung für die Zukunft. Und ich weiß, dass sich Gottes Vorsehung der Arbeit und Sorge unendlich vieler Menschen bedient. Denn Gottes vorsehende Sorge ist nicht eine Alternative zur Sorge der Menschen. Gott sorgt mit Menschen für mich (und zusammen mit mir für andere) – und er sorgt für uns über all unsere Sorge hinaus. Und das gibt unserer Sorge das rechte Maß. Fra' Georg Lengerke
01:58
June 22, 2019
190621 BDZ 11. Woche i.Jkr. Fr Schatz und Auge Mt 6,19-23
In Kursen zum Selbst-Management werden wir dazu aufgefordert, regelmäßig unsere Ziele zu klären: Die kurzfristigen, die mittelfristigen und die langfristigen. Darum geht es auch dem hl. Ignatius in seinen Exerzitien. Im „Prinzip und Fundament“ sagt er, unser wichtigstes Ziel und der Sinn unseres Daseins sei die rettende Gemeinschaft mit Gott. Alles andere ist dazu geschaffen, uns zu diesem Ziel zu helfen. Daher sollen wir den Umgang mit allen Dingen daraufhin prüfen, ob es uns zur Gemeinschaft mit Gott hilft oder uns hindert. Was hilft, sollen wir wählen. Was hindert, sollen wir hinter uns lassen. Von dieser Unterscheidung spricht Jesus in den Bildern vom Schatz und vom Auge. Der Schatz ist das, wonach wir Ausschau halten. Das Auge ist das, womit wir Ausschau halten. Wenn wir uns ganz auf die „Schätze hier auf der Erde“ verlassen, uns an sie binden, uns gar mit ihnen identifizieren (und uns nur noch für organische Computer halten), dann ergeht es uns wie ihnen: wir vergehen. Wenn es uns allerdings in aller Vergänglichkeit immer auch um die „Schätze im Himmel“ geht, also um das, was in unserem Leben und in dem unserer Nächsten das Sichtbare, Verfügbare und Brauchbare übersteigt (z.B. die Liebe) – dann prägt uns das, und wir erkennen uns selbst als Menschen, die auf den Himmel hin geschaffen sind. Heinrich Spaemann sagte es so: „Was wir im Auge haben, das prägt uns, dahinein werden wir verwandelt. Und wir kommen, wohin wir schauen.“ Fra' Georg Lengerke
01:58
June 21, 2019
190620 BDZ 11. Woche i.Jkr. Do Fronleichnam Leib Christi sein
Am Wochenende werden die Deutsche Assoziation des Malteserordens und ihre Werke in einem Gebet Maria geweiht. Praktisch alle der gegen dieses Anliegen zum Ausdruck gebrachten Bedenken bezogen sich darauf, dass die Beziehung zu Jesus frei von menschlicher Einmischung zu halten sei (sei es durch die Heiligen, sei es durch die Kirche o.a.). Das sei erstens missbrauchsanfällig und zweitens habe Gott das nicht nötig. Letzteres stimmt beides. Menschliche Vermittlung ist missbrauchsanfällig und Gott hat sie nicht nötig. Aber Gott ist es, der sich – selbst auf die Gefahr des Missbrauchs seiner selbst hin – vermitteln, bezeugen, versichtbaren lassen will: vom Sohn, der in Jesus von Nazareth ein Mensch wird, von Maria, die ihn in die Welt lässt, von den Aposteln, die sein Wort in die Welt tragen, von den Heiligen, die seine Liebe bezeugen, von der Kirche, die sein Heilswirken feiert und vergegenwärtigt. Warum? Nicht weil er das nötig hätte, sondern weil wir das nötig haben. Seit Gott ein Mensch wurde, sind Gott und Mensch zwar zu unterscheiden, aber nicht mehr zu trennen. Gott verbindet sich als Mensch mit uns Menschen, damit wir uns mit ihm und in ihm miteinander verbinden. Diese heilige Verbundenheit heißt wie das Mahl: Kommunion. Gott der Sohn bindet sich als Mensch leiblich an die Gaben von Brot und Wein, die der „Corpus Christi“ sind, damit wir durch sie leiblich der „Corpus Christi“ werden. Denn Gott will sich der Welt leiblich und nicht ohne die Seinen offenbaren – von Maria bis zu uns. Fra' Georg Lengerke
02:08
June 20, 2019
190619 BDZ 11. Woche i.Jkr. Mi Im Verborgenen Mt 6,1-6.16-18
Dreimal sollen die Hörer der Bergpredigt etwas im Verborgenen tun: Almosen geben, beten und fasten. Viele (Christen und Nichtchristen) zitieren diese Stelle (nicht nur an Fronleichnam), um zu betonen, man solle vor allem Zuhause privat seinen Glauben leben und die Umwelt damit in Ruhe lassen. Das steht da natürlich nicht. Das Evangelium und die Gemeinschaft mit Jesus Christus wollen in die Welt und zu allen Menschen. Gemeint ist Anderes. Gemeint ist, dass die Christen sich hüten sollen, ihre „Gerechtigkeit vor den Menschen zur Schau zu stellen“. Sie sollen miteinander teilen, beten und fasten. Aber das ganze beginnt im Verborgenen und reicht bis ins Verborgene. Sonst ist es nur Show. Der griechische Text spricht hier von Gott als „dein Vater, der sehende im Verborgenen“ (Mt 6,4.6.18). Damit ist gemeint, dass der verborgene Gott im Verborgenen das Verborgene sieht. Wir sollen dahin kommen: dass das Teilen, Beten und Fasten nicht einfach nur Äußerlichkeiten bleiben. Bei all dem geht es um unser ganzes Leben: dass wir im Angesicht Gottes verborgen teilen, das Verborgene teilen und ins Verborgene hinein teilen; dass wir betend in unser Verborgenes gehen, Gott im Verborgenen finden und ans Verborgene lassen; dass wir uns schließlich fastend den verborgenen Abhängigkeiten und Vergötzungen stellen. Denn wo wir dem verborgenen Gott unser Verborgenes bringen, da entbirgt sich Gott – denn der von Gott geliebte Mensch kommt zum Vorschein. Fra' Georg Lengerke
02:02
June 19, 2019
190618 BDZ 11. Woche i.Jkr. Di Die Feinde lieben Mt 5,43-48
Was ist das Besondere des Christseins? Es ist nichts Besonderes, nett zu den Netten, liebenswürdig zu den Liebenswürdigen und freundlich zu den Freundlichen zu sein, sagt Jesus. Das tun alle anderen auch. Das Besondere der Christen ist, dass sie die Bösen lieben. Aber die Feinde zu lieben bedeutet nicht, dass wir sie nett finden oder ihnen gegenüber schöne Gefühle haben oder das Böse schönreden sollen, das sie uns taten. Es bedeutet, den Teufelskreis zu durchbrechen, dem Bösen böse zu sein, den Ignoranten zu ignorieren und den Hasser zu hassen. Die Einhegung der Revanche durch das Prinzip der Talion, des Gleichmaßes von Schuld und Vergeltung („Auge um Auge und Zahn um Zahn“, Dtn 19,21) hat die unendliche Geschichte der Rache nicht beenden können. Wer die Rechnung offenlässt, auf der die Schuld des anderen steht, der hält Gott seine offene Wunde hin und verwundet zugleich die Dynamik der Rache. Feindesliebe braucht die Leidensfähigkeit, diese Wunde auszuhalten, durch die Gottes Gerechtigkeit in die Welt eintreten kann. Das negiert nicht die weltliche Justiz. Die Abschreckung von der Tat, die Bestrafung des Täters, der Schutz der Gemeinschaft machen Sinn. Sinnlos ist nur der Hass, zu dem wir fähig werden, sobald wir Unrecht erleiden. Den Feind lieben bedeutet, mit Christus sein Gutes zu wollen und das Unsrige dazu zu tun. Und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass er zur Gemeinschaft und Liebe und Gerechtigkeit dessen findet, der einmal sein Richter sein wird. Fra' Georg Lengerke
02:01
June 18, 2019
190616 BDZ 11. Woche i.Jkr. Dreifaltigkeitssonntag Zur Liebe gehören drei Joh 16,12-15
„Zur Liebe gehören immer zwei“, sagte neulich jemand in einem Gespräch über eine schwierige Ehe. Mir scheint, es ist genau dieser Irrtum, der viele Ehen schwierig macht. Man stelle sich mal vor, es wären wirklich nur zwei Menschen da, die einander liebten. Wer würde die Freude des einen am anderen teilen? Wer würde beim einen zum Vorschein bringen, was der andere ihm nie entlocken könnte? Wer würde dem einen vom anderen erzählen, was der nicht wissen kann? Wen würden Sie miteinander lieben? An wem hätten sie miteinander Freude? Und wer hätte Freude an ihnen? Die Antwort auf all diese Fragen ist: niemand! Wenn die Zeit der Verliebtheit vorbei ist, ist die Liebe von zweien eine ziemlich defiziente Sache. Deshalb braucht die vollkomme Liebe drei, von denen jeder liebt und wiederliebt und mitliebt. Gott ist Liebe, sagt der 1. Johannesbrief (4,8). Und Gott ist vollkommen – auch ohne die Welt. Wenn aber Gott die vollkommene Liebe ist, dann muss er Einer in drei Liebenden sein: im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist. Und diese dreifaltige Liebe macht uns die Freude ihrer selbst. Deshalb kommt der Sohn zu uns, um uns die Liebe zu offenbaren. So wird Gott selbst der Dritte, wo Liebe wirklich Liebe ist: als zuerst Liebender, als antwortend Liebender, als Mitliebender. Und er öffnet unser Herz für jene Dritten, für die wir da sein dürfen – miteinander und mit Ihm. So wird unsere Liebe vollkommen. Denn zur Liebe gehören immer drei. Fra' Georg Lengerke
02:13
June 15, 2019
190615 BDZ 10. Woche i.Jkr. Sa Ja sagen oder Nein sagen Mt 5,33-37
Bei Mose steht: „Du sollst keinen Meineid schwören.“ Jesus sagt: „Schwört überhaupt nicht. […] Eure Rede sei: Ja ja, nein nein“ (Mt 5,33.34.37) Für Jesus ist der Schwur die Berufung auf eine höhere Instanz in einer Welt, in der die Lüge oder die Halbwahrheit die Regel ist. In ihr muss die Wahrheit als Ausnahme irgendwie gekennzeichnet werden. So wie Kinder das Spielen unterbrechen und sagen: „Jetzt aber in echt!“ Als die Korinther Zweifel an der Zuverlässigkeit des Paulus haben, betont dieser seine Gemeinschaft mit Christus, der „nicht Ja und Nein zugleich“ ist, sondern „das Ja zu allem, was Gott verheißen hat“ (2 Kor 1,18.20) Verbunden mit Christus sollen wir wahrhaftige Menschen werden, deren Wort wahr ist, die reden, wovon sie überzeugt sind und überzeugt sind, wovon sie reden. Zum einen soll uns die Lüge zuwider sein. Denn sie zerstört jeden Glauben und alles Vertrauen. Zum anderen sollen wir Menschen werden, bei denen unsere Nächsten wissen, woran sie sind. Als eine Freundin mich zum Beichthören beim Nightfever einlud, habe ich abgesagt. Darauf sie: „Da bin ich aber froh.“ Als ich einen kleinen Stich verspürte, sagte sie: „Nein, nein! Ich bin froh, dass Du mir ehrlich sagst, wenn Du eigentlich nicht kannst. Dann weiß ich, dass ich Dich auch ruhig weiter fragen kann.“ Erst da merkte ich: In meiner Unentschiedenheit und durch Zusagen aus Gefälligkeit hatte ich dauernd andere Menschen für meine Überlastung verantwortlich gemacht. Fra' Georg Lengerke
01:57
June 14, 2019
190614 BDZ 10. Woche i.Jkr. Fr Unser Rest des Eisberges Mt 5,27-32
„Das ist ja nur die Spitze des Eisberges“, heißt es, wenn es um die bekannt gewordenen Fälle sexueller Gewalt in der Kirche geht. Will sagen: Der Rest des Eisberges (unter der Wasseroberfläche) sind die nicht bekannt gewordenen Fälle sexueller Gewalt. Für Jesus ist der Eisberg offenbar noch viel größer als wir denken. Er besteht nämlich nicht nur aus den begangenen, sondern auch aus den vorgestellten Vergehen: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Wer eine Frau ansieht, um sie zu besitzen, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.“ (Mt 5,27.28) Ehebruch beginnt nicht im Bett, sondern im Herzen und im Kopf. Der verwirklichte Ehebruch ist „nur die Spitze“ des Sündeneisberges. Der gedachte Ehebruch jedoch gehört zu demselben Eisberg – nur unter der Wasseroberfläche. Das bedeutet, dass jeder unkeusche Blick und Gedanke zu demselben Eisberg von Schuld gehört, dessen sichtbare Spitze unter anderem aus den bekannt gewordenen Fällen sexueller Gewalt in der Kirche besteht. Die Sünde in der Kirche beginnt schon mit unserem Denken und Schauen. Das macht weder die Schuld der Täter noch das Leiden der Opfer geringer. Aber es erinnert uns daran, dass mit den Kinderschändern die meisten von uns unter Anklage stehen. Also muss die Bitte um Umkehr und Gnade entweder ihnen genauso wie uns gelten – oder es kann gar niemand auf Gnade hoffen. Fra' Georg Lengerke
01:56
June 14, 2019
190613 BDZ 10. Woche i.Jkr. Do Die größere Gerechtigkeit Mt 5,20-26
Wie kommen Christen bloß auf die Idee zu glauben, der christliche Glaube sei gegenüber dem jüdischen Gesetz irgendwie „lockerer“ oder „liberaler“? Gestern sagte Jesus, dass er das Gesetz erfüllt und nicht aufhebt. Heute geht er einen Schritt weiter, indem er das Gesetz sogar verschärft: „Ihr habt gehört, das gesagt worden ist, Du sollst nicht töten […]. Ich aber sage Euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.“ (Mt 5,21.22) Wir sollen nicht nur das Verbotene meiden, sondern auf seine Wurzel schauen. Alle Schuld beginnt bei den ersten Absichten unseres Herzens. Viele kennen die Problematik beim Internet. Ich begegne vielen Menschen, die in Sorge sind, ob sie sich bei der Nutzung des Internets noch gerade so auf vertretbarem Terrain befinden, oder was geschieht, wenn sie auf unvertretbarem Terrain erwischt werden. Ich selbst mache eine interessante Übung. Seit Jahren bin ich nur noch im Besitz eines dienstlichen Computers der Malteser. Ich weiß, dass Mitarbeiter der IT theoretisch alles einsehen können, was ich mir im Netz ansehe. Ich komme gar nicht auf die Idee, mir etwas anzusehen, was die nicht auch sehen könnten. Gut, manche Recherche müsste ich etwas erklären. Manche auch etwas länger, weil die Welt ein Saustall ist. Aber immer kommt es mir vor, als ob sie an Christi Statt auf mein Herz sehen, damit ich schon beim Zürnen merke, dass es zum Töten nicht mehr weit – und also höchste Zeit zur Umkehr ist. Fra' Georg Lengerke
01:49
June 13, 2019
190609 BDZ Pfingsten Beuge das Unbeugsame
Zum Pfingstfest sende ich Ihnen heute eine mir sehr kostbar gewordene deutsche Übersetzung der Pfingstsequenz von Stephen Langton (+1228). Ich habe sie vor Jahren auswendig gelernt. Sie gehört zu meinem täglichen Beten. Komm Heiliger Geist Sende von Gott her Den Lichtstrahl Deines Feuers Komm Vater der Armen Komm Spender der Gaben Komm Licht der Herzen Bester Tröster Du unser Freund Spürbare Hilfe Du Ruhe in der Unruhe Du Maß in der Leidenschaft Du Ermutigung in der Mutlosigkeit Unendliches Glück Vollende im Innersten Die Dir vertrauen Ohne Dein Wirken Ist es nichts mit dem Menschen Ist nichts ungefährlich Kläre das Undurchsichtige Mache fruchtbar die Wüste Heile die Wunden Beuge das Unbeugsame Bewege das Herzlose Führe das vom Weg Abgekommene Gib den Deinen Die auf Dich hoffen Die Fülle Deiner Gaben Segne unser Werk Gib im Sterben das Heil Gib Freude ohne Ende Amen Alleluja Mein Vorschlag: Beten Sie diesen Text langsam und vielleicht laut gelesen. Suchen Sie sich einen Vers, den Sie zur Bitte dieses Tages machen wollen und der sie durch das Pfingstfest und die kommenden Tage begleitet. Ich wähle: „Beuge das Unbeugsame!“ Fra' Georg Lengerke
02:03
June 12, 2019
190612 BDZ 10. Woche i.Jkr. Mittwoch Den Zaun im Rücken Mt 5,17-19
Wie konnte der Eindruck entstehen, dass Jesus das Gesetz des Mose aufhebt? Der Neutestamentler Klaus Berger verglich in einem Vortrag das Volk Gottes einmal mit einer weiten grünen Weide. Diese Weide umgibt ein Stacheldrahtzaun, der das Verlaufen der Herde und das Einbrechen feindlicher Mächte verhindern soll. Das Lebensgesetz des Volkes Gottes hat seine Kontur am Zaun. Klaus Berger meinte, Leute, die sich immer am Gesetz abarbeiten, glichen Kühen, die sich am Stacheldraht blutig kauen, anstatt in der Mitte der Wiese die Weide zu genießen. Wo das Volk Gottes seine Lebensform von Gott her erkannt und lieb hat, da ist Gott in der Mitte und das Gesetz im Rücken. Das Gesetz spielt buchstäblich nur eine Rolle am Rand, weil es den Raum beschreibt, in dem es nicht um das Gesetz, sondern Gott um uns und uns um Gott geht. In Jesus wird Gott, der die Mitte ist, ein Mensch. Und um der zerstreuten Menschheit willen verlässt die Mitte nun die Weide. Er geht in das feindliche Land, um die Menschen zu sammeln. Er bleibt die Mitte des Volkes Gottes – aber der Raum, das Gesetz, bekommt eine andere Kontur. In der Zugehörigkeit zu Christus besteht die Erfüllung des Gesetzes nicht bloß im Bleiben innerhalb des Zaunes. Sie besteht darin, dass wir auf die Mitte hin und von der Mitte her leben, die Christus selbst ist. Von der Mitte her: indem wir mit ihm unsere Nächsten lieben. Zu der Mitte hin: indem wir mit unseren Nächsten ihn lieben, der die Mitte des Lebensgesetzes Gottes ist. Fra' Georg Lengerke
02:00
June 12, 2019
190611 BDZ 10. Woche i.Jkr. Dienstag Salz und Licht sein Mt 5,13-16
Nach der Ouvertüre der Seligpreisungen beginnt die Bergpredigt nicht mit dem, was die Jünger tun sollen, sondern mit dem, was sie sind: „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ (Mt 5,13.14). Man könnte denken, der Kirche müsste der Hochmut vergangen sein, zu dem diese Sätze verleiten könnten. Aber der Hochmut hat sich nur verlagert: Wir wollen noch immer unter den Mächtigen mitspielen. Wir sind das größte Sozialunternehmen unseres Landes. Ohne uns funktioniert der Sozialstaat nicht. Also müssen wir vor allem funktionieren, wenn wir staatstragend „relevant“ bleiben wollen. Aber „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sind nicht dazu da, die Erde zu einem besseren Ort zu machen. Sie dienen dazu, dass die Menschen Gott in der Welt erkennen und an der Welt Gottes Geschmack finden. Als im Winter 2010/11 das Streusalz knapp wurde, fingen die Leute an, Speisesalz auf die Einfahrten zu streuen. Ich fand das prophetisch. So steht es um uns: Von innen und außen wird das missbrauchte Salz zertreten und das Licht verleugnet, das wir von Gott für die Welt sind. Unser Hochmut besteht noch immer darin, dass wir selber leuchten und schmecken und gepriesen werden wollen. Aber erst, wenn wir wieder dazu da sind, dass Menschen Gott in der Welt erkennen und an seiner Welt Geschmack finden,– erst dann werden sie „unsere Werke sehen und den Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16). Das ist die scheinbar unscheinbare Relevanz, die wir den Menschen schulden. Fra' Georg Lengerke
02:03
June 11, 2019
190608 BDZ 7. Osterwoche Samstag Was uns (nichts) angeht Joh 21,20-25
Heute schreibe ich aus dem Libanon. Hier hört man bei Aufgabenverteilungen oft einem Reflex. Der lautet: „Warum ich? Was ist mit den anderen?“ War es ein solcher Reflex, der den hl. Petrus nach seiner erneuten Berufung fragen ließ: „Was wird denn mit diesem?“ (Joh 21,22) Wir wissen nicht, ob es Eifersucht, echte Sorge, Hoffnung auf Gemeinsamkeit oder nur ein Ablenkungsmanöver war, was Petrus drängte, nach dem Weg des sog. „Lieblingsjüngers“ zu fragen. Offenbar schossen die Spekulationen über dessen Schicksal („er bleibt bis zur Wiederkunft Christi“) ohnehin ins Kraut. Jedenfalls wollte Jesus dem Petrus sagen: Das geht Dich nichts an! Was geht mich was an? Als Faustregel hilft mir: Mich geht das an, was ich ändern darf oder soll, und das, was mich ändern darf oder soll. Das gilt auch vom Weg meines Nächsten als Christ. Der geht mich dann an, wenn ich ihm zu einer größeren Nähe zu Christus helfen kann, oder wenn z.B. sein Weg für mich ein wichtiges Zeugnis ist, mich selbst wieder neu auf diesen Weg zu machen. Oft besteht die größte Hilfe aber darin, jemanden in Ruhe zu lassen. Bei Exerzitien ermutige ich dazu, mir vorzustellen, meinen Nächsten umgäbe ein heiliger Raum Gottes, in dem ich nichts verloren habe. Den gibt es auch im Alltag. Nimm Wohnung, Herr, in meinem Bruder/meiner Schwester. Mich aber erleuchte durch Deinen Heiligen Geist, dass ich erkenne, was zu sagen und wovon zu schweigen, was zu hören und was zu überhören ist, damit wir beide immer inniger verbunden werden mit Dir. ​Amen. Fra' Georg Lengerke
02:09
June 8, 2019
190607 BDZ 7. Osterwoche Freitag Wohin du nicht willst Joh 21,1.15-19
An das Gespräch zwischen dem Auferstandenen und Petrus schließt sich eine düster klingende Verheißung an. Petrus neigt zum Voranpreschen. Bis dahin, dass er Jesus selbst überholt und sich ihm in den Weg stellt. So verrennt er sich. Wohin das führt, merkt er unter Tränen erst, als er den, für den er gerade noch sterben wollte, dreimal verraten hat. An diese Jugend, an die heldenhafte Vorstellung von sich selbst, wird Petrus von Jesus nach der Auferstehung noch einmal erinnert: „Du hast dich selbst gegürtet und konntest gehen, wohin du wolltest.“ (Joh 21,18) Ein Freund sagte mir neulich vor der Wahl seines Bischofs: „Wer heute Bischof wird, der muss sich entscheiden, ob er mit seinem Leben abschließt oder ob er gemocht werden will.“ Daran muss ich heute denken, wenn Jesus zu Petrus über dessen Nachfolgeweg und sein Zeugnis für Christus im Tod sagt: „Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ (Joh 21,18) An Pfingsten geht es nicht um eine gefühlsduselige Begeisterung. Wenn es wahr ist, dass die Liebe uns ruft, dann ist es gut, wenn wir eines Tages nicht dorthin kommen, wohin wir wollen, sondern dorthin, wohin wir sollen. Dazu hilft uns, wenn wir uns beizeiten darin üben, zu wollen, was wir sollen, weil die Liebe es von uns und für uns will. Das ist der Übungsweg unter der Führung und in der Vollmacht des Heiligen Geistes, der an Pfingsten beginnt – nicht nur für Bischöfe. Fra' Georg Lengerke
02:08
June 7, 2019
190606 BDZ 7. Osterwoche Donnerstag Wozu Einheit? Joh 17,20-26
Heute wird noch einmal die Bitte Jesu um die Einheit der Christen gelesen. Wozu ist die Einheit der Kirche gut? Vielen ist sie vor allem mühsam. Den einen, weil ihnen andere Perspektiven auf den einen Christus schwer erträglich sind. Den anderen, weil sie in Grundsatzfragen lieber eins mit der Lebenswirklichkeit ihrer Landsleute sind als mit der Weltkirche. Aber die Einheit der Kirche ist gar nicht dazu da, dass alle in Harmonie leben. Harmonie mit wem denn? Harmonie an sich ist erfahrungsgemäß keine Lebensbedingung der Kirche in der Welt. Die Einheit der Kirche ist auch nicht dazu da, dass keiner draußen bleibt. Viele wollen ja mit guten Gründen draußen bleiben und der Kirche bestenfalls von außen begegnen, ohne gleich vereinnahmt zu werden. Jesus nennt zwei Zwecke der Einheit der Kirche: Erstens „…damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ Und zweitens „… damit die Welt erkennt […] dass du die Meinen ebenso geliebt hast wie du mich geliebt hast.“ (Joh 17,21.23) Die Einheit der Kirche im Bekenntnis ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen glauben können, dass Jesus der von Gott gesandte Erlöser der Welt ist, und erkennen, dass wir mit derselben Liebe geliebt sind wie Er. Mit der Einheit der Kirche steht die Offenbarung der Menschwerdung Gottes und seiner Liebe zu den Menschen auf dem Spiel. Diese Offenbarung wird nämlich schlicht zerstört, wo Christen ihre Partei für die ganze Kirche halten oder meinen, das Einvernehmen mit der sie umgebenden Mehrheit sei schon der Anbruch des Reiches Gottes. Fra' Georg Lengerke
04:13
June 6, 2019
190605 BDZ 7. Osterwoche Mittwoch Erwählt für Europa Joh 15,14-16a.18-20
Heute ist das Fest des hl. Bonifatius (673-755), der als Apostel Deutschlands und Europas verehrt wird. Mit dem Aufbau und der Organisation von Bistümern und bedeutenden Klöstern hat er maßgeblich das Fundament für die abendländisch-christliche Kultur Europas gelegt. Das Evangelium spricht heute von der „Erwählung“ der Jünger. Erwählung ist für viele ein Reizwort. Seit Kain und Abel wird die Erwählung des einen unter Hintanstellung des anderen als ungerecht empfunden. Dabei ist alle Erwählung von Gott immer Erwählung um der Anderen willen. Aaron wird auch um seines Bruders willen erwählt. Abraham, Isaak und Jakob werden um ihrer Nachkommen im Glauben willen erwählt. Das eine Volk Israel ist erwählt, damit an ihm alle Völker ablesen können, wer und wie Gott ist. Maria ist erwählt um unseres Heiles willen und die Apostel um all derer willen, denen sie Christus bezeugen. Bonifatius war und ist erwählt für Deutschland und Europa. Auch für die unter den Heutigen, die arrogant und dumm seine Zeit „finster“ nennen, während gleichzeitig die Barbarei mit der Fahne des Neuen Humanismus in der Hand an die Tür klopft. Es ist an der Zeit, sich mit dem Europa zu beschäftigen, dass der heilige Bonifatius im Sinn hatte. Nicht in dem wir – wie das 19. Jahrhundert – seine Zeit romantisieren. Sondern in dem wir ernst damit machen, dass der Heilige Geist durch alle Jahrhunderte Menschen dazu erwählt hat, dass auch wir Heutigen noch von ihnen lernen. Fra' Georg Lengerke
01:58
June 5, 2019
190604 BDZ 7. Osterwoche Dienstag Verherrlicht Joh 17,l-11a
Am Sonntag fragte mich jemand, was Herrlichkeit und verherrlichen bedeute. Wenn wir sagen, etwas sei herrlich, dann ist es großartig, vielleicht sogar überwältigend. Ähnlich klingt es im Gebet der Kirche: „bis du kommst in Herrlichkeit“ oder „denn dein ist … die Herrlichkeit in alle Ewigkeit“. Das griechische Wort für Herrlichkeit, doxa, bedeutet „Glanz“ oder „Pracht“ und meint u.a. das endgültige Erscheinen Gottes. Das ist uns verheißen, wenn wir ihn im Tod „von Angesicht zu Angesicht“ sehen. Aber Jesus bittet den Vater schon hier: „Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.“ (Joh 17,1) Das bedeutet: Offenbare den Menschen vollkommen, wer ich bin, damit ich den Menschen vollkommen offenbare, wer Du bist. Im Leben, Lieben und Leiden, im Sterben und in der Auferstehung offenbart uns Jesus, wer und wie der Vater ist, und der Vater, wer und wie der Sohn ist. Und diese Verherrlichung ereignet sich schon hier in der Welt. Vor allem in der „Erhöhung“ am Kreuz, an dem die Liebe sterbend gegen den Hass siegt; und in der „Erhöhung“ an Ostern, wenn die Liebe des Vaters sogar noch aus dem Tod rettet. Schließlich sagt Jesus von den Jüngern: „In ihnen bin ich verherrlicht“ (Joh 17,10), in ihnen werde ich mich offenbaren. Auch wir gehören zur „Herrlichkeitsgestalt“ Jesu Christi. In der Welt wird die Herrlichkeit Gottes offenbart in Ihm – und in denen, die an ihn glauben. „Die Herrlichkeit Gottes ist der lebende Mensch; und das Leben des Menschen ist die Gottesschau.“ (Irenäus v. Lyon, 2. Jh.) Fra' Georg Lengerke
02:11
June 4, 2019
190602 BDZ 7. Osterwoche Sonntag Eins sein Joh 17,20-26
Zur Einheit der Kirche gibt es so viele Modelle wie Konfessionen: vom „Einswerden mit allen Menschen guten Willens“ bis hin zum „Auf-Linie-Bringen möglichst vieler“ in theologischer Engführung. In dieser Spannung lebt die Kirche: Sie ist einerseits zu allen Menschen gesandt und lebt andererseits aus der Konkretion der Offenbarung des dreifaltigen Gottes. Für Jesus ist das Modell der Einheit der Kirche seine Einheit mit dem Vater: „Wie Du, Vater in mir bist und ich in Dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass Du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21) Die Einheit der Kirche wird uns in dem Maß geschenkt, in dem wir die Einheit mit Christus suchen. „Einheit mit Christus“ bedeutet aber zweierlei: Sie bedeutet erstens die Einheit mit dem geoffenbarten Herrn und nicht mit einer bloßen Vorstellung von ihm. Zweitens bedeutet sie die Einheit mit den zu Christus Gehörenden: also mit den Zeuginnen und Zeugen von den Aposteln bis in die heutigen Tage. Das schließt unterschiedliche Ansichten, Auffassungen und Perspektiven ein, um die „in Christus“ gerungen werden soll. Wer jedoch die Einheit nur mit seinem je eigenen „Christus“ und also mit seiner je eigenen „Kirche“ sucht, der hat sich aus der Einheit der Kirche bereits verabschiedet. Auf dem Weg zur Einheit sind wir dort, wo wir regelmäßig miteinander beten (ohne Unvereinbares zu leugnen) und uns miteinander in seinem Namen zu den Kleinsten und Schwächsten senden lassen. Das ist die Disposition für die Einheit, die Gott selbst uns schenken wird. Fra' Georg Lengerke
01:58
June 2, 2019
190601 BDZ 6. Osterwoche Samstag In seinem Namen beten Joh 16,23-28
Ich werde gefragt, ob ich eigentlich zu Gott dem Vater oder zu Gott dem Sohn bete. Ich bete zum dreifaltigen Gott, indem ich einmal den Vater, ein anderes Mal den Sohn oder den Heiligen Geist anrufe. Die drei Personen sind zwar zu unterscheiden aber nicht zu trennen. Einer schenkt und zeigt sich im anderen. Wenn ich zu einer der göttlichen Personen bete, ist immer die Dreieinigkeit angesprochen. Mit der Auferstehung und der Himmelfahrt Christi verändert sich auch das Gebet der Jünger: „Bisher habt ihr noch um nichts in meinem Namen gebeten“ (Joh 16,24), sagt Jesus ihnen. Bisher haben sie nur in ihrem eigenen Namen, ohne Gott zu Gott gebetet. „In seinem Namen“ beten sie, wenn sie mit Gott zu Gott beten, also mit Jesus Christus, der zugleich ganz bei ihnen und ganz beim Vater ist. Christlich beten heißt „im Namen Jesu“ beten. Wir nehmen teil am Gespräch zwischen Gottvater und Gottsohn. Wir beten mit dem Sohn, von der Stelle des Sohnes aus, der an unsere Stelle getreten ist. Deshalb enden alle offiziellen Gebete der Kirche mit der Formel: „Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn…“ Wenn wir beten, dann machen wir uns das Beten Jesu zu eigen. Und das heißt, dass wir auch um die Erkenntnis des Willens Gottes bitten und diesem Willen gemäß beten sollen. Dieses Gebet wird unfehlbar erhört. Am Ende des Gleichnisses vom Weinstock sagt Jesus: „Wenn ihr in mir bleibt, und wenn ich in euch bleibe, dann bittet um was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.“ (Joh 15,7, vgl. BDZ vom 22. Mai). Fra' Georg Lengerke
02:01
June 1, 2019
190531 BDZ 6. Osterwoche Freitag Geburtsschmerz Joh 16,20-23a
Wir kennen verschiedene Arten von Schmerz: den physischen Schmerz, den Schmerz des Verlustes, der Enttäuschung und der Kränkung, wir kennen den Schmerz der Schuld und den der Reue, den Schmerz des Versagens und den der Liebe. Der Schmerz gehört zum Leben dazu. Auch der Schmerz angesichts der Welt und der Kirche. Und manchmal ist „des einen Freud‘ des anderen Leid.“ Jesus kündet seinen Jüngern Schmerz an: „Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen.“ (Joh 16,20) Gemeint ist hier nicht jene Schmerzverliebtheit, die eine Versuchung der Christen ist. Gemeint ist die Teilnahme am Schmerz Gottes, der der Schmerz der Liebe ist. Diesen Schmerz vergleicht Jesus mit dem Schmerz einer Mutter bei der Geburt. Wenn das menschliche Leben sich Bahn bricht, tut das weh. Nicht nur physisch. Eine Mutter sagte mir neulich, zur Geburt gehöre auch ein erster Abschiedsschmerz. So ist es hier: der Schmerz über den Weggang Jesu ist der Geburtsschmerz eines neuen Lebens. „Die ganze Schöpfung“, sagt der hl. Paulus, liegt „in Geburtswehen“ (Röm 8,22). Also auch wir, weil in unserem Leben das Reich Gottes und unsere Gotteskindschaft zum Vorschein kommen soll. Unsere Teilnahme am Schmerz Gottes ist Geburtsschmerz für sein Reich, in dem sein Wille „wie im Himmel so auf Erden“ geschieht. Einmal wird das unsere vollkommene Freude sein, die uns keiner mehr nehmen kann. Sie wird uns den Schmerz nicht nur vergessen machen. Vielmehr werden wir erkennen, dass er sich gelohnt hat. Fra' Georg Lengerke
02:06
May 31, 2019
190530 BDZ 6. Osterwoche Christi Himmelfahrt Bleibt in der Stadt Lk 24,46-53
Wichtige Zeiten in unserem Leben sind oft Übergänge. Vom Mutterleib in die Welt, vom Liegen zum Gehen, vom Jungen zum Mann usw. bis hin zu jenem letzten Übergang, den Christen nicht Exitus, sondern Transitus nennen. Auch Gott offenbart sich in Übergängen. Und die feiert die Kirche. Den Übergang in die Menschheit an Weihnachten; den Übergang von Tod und Auferstehung an Ostern. Oder heute, an Christi Himmelfahrt: den Übergang von seinem Dasein für die wenigen zu seinem Dasein für uns viele. Manchmal merken wir erst im Nachhinein, dass eine Krise ein Übergang ist. Daher sind Übergänge – zumal längere – schwer auszuhalten. Sie sind schmerzhaft, verlustreich, scheinbar aussichtslos. So muss es den Jüngern mit den Übergängen Jesu in Jerusalem gegangen sein. Und so geht vielen von uns mit dem Übergang, den die Kirche gerade durchlebt. Jesus gibt uns für diese Zeit einen wichtigen Rat: „Bleibt in der Stadt, bis ihr mit der Kraft aus der Höhe erfüllt werdet!“ (Lk 24,49). Trotz der Lüge, der Gewalt, des Machtmissbrauchs und des Schrecklichen, das in ihr geschehen ist: Bleibt in der Stadt! Wegen des Großen, das dort geschehen ist und wegen des noch Größeren, das in ihr geschehen soll: Bleibt in der Stadt! Schenke uns, Herr Geduld und Kraft und Mut zum Bleiben in Deiner Stadt. Du hast versprochen, dass in ihr Deine Kraft von oben geschenkt und mächtig sein wird – für alle. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:06
May 30, 2019
190529 BDZ 6. Osterwoche Mittwoch Mach, was geht Joh 16,12-15
Heute Morgen hätte ich den BetDenkzettel eigentlich fast abgesagt. Es wurde zu viel. Hinter mir liegt eine lange Reise mit mehreren Veranstaltungen. Gestern Abend war ich bis spät zu einem schönen Geburtstagsabendessen eingeladen. Gleich ist Morgengebet in der Kommende. Einfach zu viel. „Noch vieles habe ich Euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen“, sagt Jesus. „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er Euch in der ganzen Wahrheit leiten.“ (Joh 16,13) Auch hier: Es ist einfach zu viel. Zumindest zu viel für jetzt. Aber mit dem Heiligen Geist eben bedeutet, dass es noch etwas zu lernen gibt und Raum zum Wachsen ist. Auch wenn die biblische Offenbarung abgeschlossen ist: Der Offenbarte hört nicht auf, uns zu lehren, uns neue Möglichkeiten zu erschließen, die wir wirklich werden lassen können. Vor Ostern und Pfingsten konnten die Apostel noch nicht im Namen Jesu in die ganze Welt gehen, und die Zeit für ein Zeugnis, das alles kosten durfte, war noch nicht gekommen. Dahin musste der Geist sie erst führen. Das gilt für unsere Lebenszeit bis in die Vollendung der endgültigen Begegnung mit Gott. Der Heilige Geist führt uns Schritt um Schritt und Tag um Tag in die ganze Wahrheit ein. Wenn wir es wollen, und so, wie wir es vermögen. Heute Morgen ist alles etwas viel. Und ich erinnere mich an das Wort einer Freundin vor einigen Wochen, die mit dem Heiligen Geist befreundet sein muss. Sie sagte mir: „Mach, was geht.“ Fra' Georg Lengerke
02:02
May 29, 2019
190528 BDZ 6. Osterwoche Dienstag Der Beistand Joh 16,5-11
Es wird abschiedlich im Johannesevangelium. Jesus geht zum Vater. Und die Reaktion der Jünger ist verständlicherweise Trauer. Aber Jesus lässt den Jünger die Trauer nicht durchgehen. Am Sonntag hieß es: „Wenn ihr mich lieb hättet, würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe.“ (Joh 14,28) So als wäre die Trauer ein Zeichen mangelnder Liebe. Die Jünger werden traurig, weil es ihnen nur um sich selbst im Hier und Jetzt geht. Es gibt kein Gestern der Erinnerung und kein Morgen der Hoffnung. Aber das Leben mit Gott ist Zukunft. „Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen.“ (Joh 16,7) Jesus muss vorangehen, wenn die Gemeinschaft mit ihm weitergehen soll: von Jerusalem bis an den Ort, wo ich an diesem Morgen gerade bin. Diese Gemeinschaft mit dem Menschgewordenen wird durch alle Zeiten und an allen Orten realisiert durch den Heiligen Geist, den Parakleten, den Herbeigerufenen, den Tröster oder Beistand, wie die Übersetzer ihn nennen. Er öffnet uns für die Gegenwart des Sohnes und des Vaters. Und er ist jenes Licht, in dem wir erkennen können, wie es um die Welt und um uns selbst in ihr steht. Komm, Heiliger Geist, Du Tröster, nimm von uns die Traurigkeit dieser Zeit. Bekehre uns zu Dir, und öffne unsere Sinne für die Liebe des Vaters im Wirken des Sohnes. Lass uns erkennen, wie es um uns steht, und Ausschau halten nach der Freude, die nur Du uns Menschen schenken kannst. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:03
May 28, 2019
190526 BDZ 6. Osterwoche Sonntag Bei mir wohnen Joh 15,18-21
Eine der Definitionen von Gottesliebe im Johannesevangelium ist: das Wort Gottes annehmen. Also: es hören und verstehen wollen, es verwirklichen und lebensformend werden lassen. Wer das tut, merkt, dass das zugleich die Weise ist, wie Gott ihn liebt, ihn an sich zieht, sich ihm vertraut macht. Und nicht nur das: Es führt dazu, dass der dreifaltige Gott „kommt, um bei ihm zu wohnen“. Das Wort Gottes ist nicht nur eine Moral oder Pädagogik. Es ist vor allem ein Ausdruck seines Kommens zu uns. Es macht uns zu einer Stelle, an dem er wohnt und sich liebend zeigt. Weil nun aber das Wort Gottes gerade im Johannesevangelium nicht immer ganz leicht zu verstehen ist, möchte ich heute mal eine einfache Weise des Betens empfehlen. Die Wüstenväter fragten sich, wie das gehen soll: „Betet ohne Unterlass“ (1 Thess 5,17). Und sie dachten sich: Was wir „ohne Unterlass“ tun, ist atmen. Also verbinden wir das Beten mit dem Atem. Versucht das einmal: Beim Einatmen in Gedanken sagen: „Du in mir“, und beim Ausatmen: „Ich in Dir“; oder auch nur „Christus“ beim Einatmen und „Jesus“ beim Ausatmen. Und das, ohne irgendetwas am Atem zu verändern, außer auf ihn zu achten. Ich mache das jetzt seit 25 Jahren. Das macht es mir leichter, Gott seine Liebe zu mir und meinen Nächsten zu glauben und bei ihm zu bleiben. Und noch immer staune ich, wenn ich merke, dass ich nicht nur beim Beten atme, sondern beim Atmen bete. Du in mir… – Und ich in Dir… Amen Fra' Georg Lengerke
02:12
May 26, 2019
190525 BDZ 5. Osterwoche Samstag Gehasst werden Joh 15,18-21
„Wundert euch nicht, wenn die Welt euch hasst“, sagt der Erste Johannesbrief (3,13). Offenbar war der jungen Kirche der Hass der Welt bereits vertraut: Der Kirche ergeht es wie Christus. Aber sie wusste auch: Nicht jeder Hass der Welt ist ein Zeichen für die Treue zu Christus: „Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt.“ (1 Petr 4,15) Wir dürfen den Hass um Christi willen nicht mit dem Hass um unserer Sünde willen verwechseln. Jesus spricht heute vom Hass auf die Kirche, der dem Hass auf ihn gleicht. Dieser Hass „um Jesu Namen willen“ will sich nicht damit abfinden, dass die Kirche keine Erfindung der Welt ist. Sie verdankt sich einer Erwählung für die Welt. Die Kirche wird gehasst, weil sie nicht der Welt, sondern Jesus Christus gehört und so auf ihn hört, dass er das erste und das letzte Wort über die Kirche hat. Zugleich warnt Jesus vor der Liebe der Welt, die die Kirche als die Ihre vereinnahmt. Die Welt liebt eine Kirche, die so ist wie sie: von ihrer Art, nach ihrem Geschmack, zu ihr gehörend und ihr hörig. Ich mache mir keine Sorge um die Kirche, wenn sie um Christi und seiner Liebe willen von den einen gehasst und von den anderen geliebt wird. Große Sorgen mache ich mir um die Kirche, wo sie wegen ihrer Sünden gehasst und wegen ihrer Weltlichkeit geliebt wird. Fra' Georg Lengerke
02:05
May 25, 2019
190524 BDZ 5. Osterwoche Freitag Freunde Joh 15,12-17
Es gibt Menschen, denen es unangemessen vorkommt, von der Beziehung zu Jesus als Freundschaft zu sprechen. Das hat damit zu tun, dass Freundschaft oftmals für etwas Geringeres gehalten wird als die Liebe. Für manche ist „Freunde“ ein netteres Wort für „Bekannte“. Und wenn ein Paar sich trennt, sagen sie, sie wollen „Freunde bleiben“. Dann ist Freundschaft das, was von der Liebe übrigbleibt. Jesus sagt den Jüngern: „Ich habe euch Freunde genannt“ (Joh 15,15) Für ihn ist Freundschaft die Vollform von Liebe. Lieben kann ich auch den, der mich nicht liebt. Freundschaft jedoch ist erwiderte, gegenseitige Liebe, die sich auf Gemeinsames bezieht. „Liebe jeden mit echter starker Nächstenliebe“, schreibt Franz von Sales, „Freundschaft dagegen schenke nur solchen, die mit dir Gemeinschaft in wichtigen Dingen aufnehmen können.“ Jesus nennt heute vier Kriterien der Freundschaft mit ihm: 1. „Wenn ihr tut, was ich euch auftrage“, heißt nicht bloß gehorchen, sondern wollen, was er will (vgl. gestern). 2. „Ich habe euch alles mitgeteilt“, weil Freundschaft bedeutet, am eigenen Leben Anteil zu geben und am Leben des Anderen Anteil zu nehmen. 3. „Ich habe euch erwählt“, weil Freundschaft nicht Los oder Schicksal, sondern Wahl und Entscheidung ist. 4. „Wer sein Leben gibt für seine Freunde“, hat die größte Liebe, weil ihm das Leben des Freundes teurer ist als das eigene. Schenke uns, Herr, Deine Freunde zu sein, und es täglich mehr zu werden. Amen. Fra' Georg Lengerke
02:07
May 24, 2019
190522 BDZ 5. Osterwoche Donnerstag In der Liebe bleiben Joh 15,9-11
Was hieße das, wenn Euch ein lieber Mensch zum Abschied sagte: „Bleib in meiner Liebe!“ (vgl. Joh 15,9) Würdet Ihr eher an seine Liebe zu Euch denken? Oder vielleicht an seine Liebe zu Dritten (z.B. zu seinen Kindern, auf die ihr an dem Abend aufpassen sollt)? Jesus sagt: Ihr „bleibt in meiner Liebe […], wenn ihr meine Gebote haltet“. Leute mit schlechten Kindheitserfahrungen mag das erinnern an: Wenn du tust, was Mama sagt, dann hat Mama dich lieb. Wer Jesus kennt, weiß, dass ihm das nicht ähnlich sieht. Die „Gebote“ Christi sind mehr als Anweisungen zum guten Leben. Sie beschreiben die Lebensform der Christen und sind Ausdruck der Verbundenheit mit Christus in der Taufe. Wer zu Christus gehört und in seiner Liebe bleibt, der nimmt erstens sein Wort und seinen Willen als maßstäblich und lebensformend an. Wort und Wille Christi sind für ihn nicht nur Information, sondern Formation. Wer in der Liebe Christi bleiben will, der ist zweitens bereit, sich von ihm und den Seinen lieben zu lassen – so wie Petrus lernen muss, sich die Füße waschen zu lassen. Wer in der Liebe Christi bleibt, der will drittens, was er will, und lehnt ab, was er ablehnt; der tut, was er tut, und liebt, was er liebt. „Dasselbe wollen und dasselbe ablehnen“, das hieß in der Antike Freundschaft. Wer das tut, dem verspricht Christus, die gleiche Freude im Herzen zu tragen, die er im Herzen trägt – weil er in der Liebe des Vaters lebt und bleibt und zu uns kommt. Fra' Georg Lengerke
02:13
May 23, 2019
190522 BDZ 5. Osterwoche Mittwoch Fruchtbringen statt Machen Joh15,1-8
Was ändert sich, wenn ich mit Christus verbunden lebe? Von einigen Veränderungen war hier schon die Rede: Friede, Mit-Liebe, Unterscheidungs- und Entscheidungskraft, ein Miteinander, das bis in den Himmel reicht, und Leben, das der Tod nicht töten kann. Mit Christus ändert sich auch die Weise, wie wir etwas hervorbringen. Im Gleichnis vom Weinstock spricht Jesus vom Fruchtbringen. Fruchtbringen ist die Alternative zum bloßen Machen. Machen heißt etwas bewerkstelligen, es selbst vollenden und verantworten. Das zu können, ist eine schöne Gabe, für die wir dankbar sein können. In diesen Tagen gebe ich Exerzitien im Eichsfeld. Gerade für beanspruchte Menschen geht es in solchen Zeiten häufig um den Unterschied zwischen Machen und Fruchtbringen. Fruchtbringen heißt, das Meine tun und die Bedingungen schaffen, dass werden und wachsen kann, was ich selbst nicht machen kann. Im Evangelium sind der Weinstock und der Sämann dafür schöne Beispiele. Die Rebe lebt vom Empfangen und bringt hervor, was sie empfängt. Der Sämann ackert, sät und jätet. Und während er schläft, lässt Gott wachsen. Wir dürfen nicht allein beim Machen bleiben. Je mehr wir uns Einwurzeln im Leben Gottes, werden wir weniger nach Machbarkeit und mehr nach Fruchtbarkeit fragen, wir werden weniger machen und mehr Frucht bringen, und was wir hervorbringen wird kein Machwerk, sondern eine Frucht sein, an der die Menschen Gott erkennen werden. Fra' Georg Lengerke
02:02
May 22, 2019
190521 BDZ 5. Osterwoche Dienstag Dein anderer Frieden Joh 14,27-31a
Frieden wird ersehnt und gefordert. Zu Recht oder zu Unrecht. Wer im Unrecht ist, darf nicht Frieden fordern, sondern soll Gerechtigkeit schaffen. Wer auf Unrecht hinweist, darf nicht zu Frieden genötigt werden, sondern soll gehört werden. Wo Gott als Mensch die Selbstherrlichkeit des Menschen ins Wanken bringt, darf er nicht um des lieben Friedens Willen zum Schweigen gebracht werden. Einen faulen Frieden sollen wir ablehnen und „edlen Frieden“ suchen. Wenn Jesus von dem Frieden spricht, den er schenkt, und der dem der Welt nicht gleicht, dann meint er offenbar anderes als jenen Frieden, der sich aus unseren Einigungen und unserer Kompromissbereitschaft ergibt. Er meint einen Frieden, in dem wir auch dann noch bleiben, wenn um uns bildlich der Krieg tobt. Sein Grund ist die Versöhnung mit Gott und dem Nächsten. Der Friede Christi lässt mich so getrost sein, dass das Bangen um die Anerkennung der Menschen, die Zudringlichkeit von Aufgaben und Erwartungen und die Enttäuschung über meine Umgebung immer weniger Macht über mich hat. Der hl. Ignatius schrieb in der brenzligen Phase des Weiterbestehens der jungen Jesuiten, er brauche im Fall des Verbotes des Ordens nur eine Viertelstunde um wieder in den Frieden zu kommen. „Frieden ist die Ruhe der Ordnung“ (Augustinus). Er stellt sich ein, wo wir das uns Mögliche um die gottgemäße Ordnung in und um uns tun – und dann fest darauf vertrauen, dass alles Übrige von Gott her zur rechten Zeit seine Ordnung bekommen wird. Fra' Georg Lengerke
02:01
May 21, 2019
190519 BDZ 5. Sonntag der Osterzeit Was neu ist Joh 13,31-33a.34-35
Je aggressiver Reformen der Kirche diskutiert werden und je alarmierender sich die Frage nach der christlichen Prägung ihrer Hilfswerke stellt, umso dringender muss nach dem Neuen gefragt werden, dass die Menschwerdung Gottes der Welt gebracht hat. Jesus gibt eine Antwort: „Ein neues Gebot gebe ich Euch: Liebt einander!“ (Joh 13,34) Es wird oft behauptet, die Nächstenliebe sei das eigentlich Neue der Botschaft Jesu. Doch das ist so arrogant wie falsch. Auch andere Religionen lehren die Nächstenliebe und auch nichtchristliche Organisationen haben sie auf ihre Fahnen geschrieben. Nein, das spezifisch Christliche ist nicht die Nächstenliebe. Es ist die Tatsache, dass die Liebe Gottes sich als Mensch gezeigt hat. Jesus ist unendlich viel mehr als ein Vorbild, an dessen Liebe zu den Seinen wir uns orientieren sollten. Es geht um seine Liebe zu uns Heutigen: „Wie ich Euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34) Der christliche Unterschied in der Liebe besteht darin, dass wir „die Liebe Gottes erkannt und gläubig angenommen“ haben (1Joh 4,16). Diese Annahme zeigt sich vor allem darin, dass wir als Geliebte lieben und zusammen mit dem, der uns die Liebe Gottes offenbart und dafür sein Leben gegeben hat. Der Dienst der Christen ist die Liebe der Geliebten. Sie ist das Kriterium aller Reform. Sie ist das Neue, das mit Christus in die Welt gekommen ist, und das wir den Menschen schulden. Fra' Georg Lengerke
01:59
May 19, 2019
190518 BDZ 4. Osterwoche Samstag Größere Werke? Joh 14,7-14
Das klingt wie eine Steilvorlage für alle menschliche und kirchliche Selbstüberschätzung: „Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen, und er wird noch größere vollbringen, denn ich gehe zum Vater.“ (Joh 14,12) Nach dem Motto: Wenn Du erst mal beim Vater bist, können wir die Kirche so richtig groß, mächtig und weltbeherrschend aufziehen (vgl. Dostojewski, Der Großinquisitor). Das soll es nun gewiss nicht heißen: dass wir nach Christus gekommenen Menschen mehr zu wirken vermögen als er. Das „Größere“ wird vielmehr das sein, was die, die an Jesus glauben, nach Ostern und Pfingsten vollbringen werden. So wie Gottvater im Sohn wirkt, so wirkt Christus in den Vielen, die an ihn glauben. Diese beginnen überall auf der Welt, von ihm zu erzählen, in seinem Namen zu dienen und zu lieben, zu lehren und zu heiligen. In den Millionen, die an ihn glaubten und glauben, und mit ihnen wirkt der zum Vater erhöhte Sohn „Größeres“, als in den Jahren seines öffentlichen Lebens. Dreierlei ist dran: 1. Die menschliche Schuld in der Kirche erkennen, bereuen und sühnen. 2. Das Große erkennen, dass Gott der Welt in Jahrhunderten durch unzählige kleine und große Menschenherzen und -hände in der Kirche geschenkt hat. Und 3. daraus die sichere Hoffnung zu schöpfen, dass Christus der Welt durch die Seinen auch immer noch Größeres schenken wird. Mache uns, Herr, zur Gabe für die Welt, durch die Deine Liebe immer noch Größeres wirken will. Amen Fra' Georg Lengerke
01:56
May 18, 2019
190517 BDZ 4. Osterwoche Freitag Dort sein, wo du bist Joh 14,1-6
Du hast versprochen, Herr, dort zu sein, wo ich bin, damit ich sein kann, wo ich bin, damit ich kommen kann, wohin ich soll, damit ich werden kann, wer ich bin. Du hast versprochen, Herr, dort zu sein, wo ich bin: in Kraft und Schwachheit, in Glück und Unglück, im Licht und in der Finsternis, die uns Dir zu nehmen scheint; in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit (und Du hast versprochen, dass der Tod uns nicht scheidet). Schenke mir, Herr, dass ich dort bin, wo Du bist: schon hier, wo nach Dir gerufen wird, wo von Dir zu reden ist, wo Du den Nächsten nicht ohne mich lieben willst; und einmal dort, wo das Haus mit den vielen Wohnungen offen steht, wo die Liebe gesiegt hat, wo die Freude vollkommen ist und wir einander sehen, wie wir sind – angesichts Deiner. Amen. Fra' Georg Lengerke
01:24
May 17, 2019
190516 BDZ 4. Osterwoche Do 2x Gegenwart Christi Joh 13,16-20
Unsere Begegnung mit Jesus Christus ist auf das engste verbunden mit der Begegnung mit unseren Nächsten: Was wir den geringsten seiner Brüder oder Schwestern tun, haben wir Christus getan (Mt 25,40); wer ein Kind (Mt 18,5), seine Jünger (Mt 10,40) oder Gesandten aufnimmt (heute: Joh 13,20), der nimmt Christus auf. Wer die Jünger hört, hört Christus, wer sie ablehnt, der lehnt Christus ab (Lk 10,16; Apg 9,4). Es gibt zwei Weisen der Gegenwart Christi im Nächsten: Er ist verborgen gegenwärtig, in denen, mit denen er sich verbunden hat; und er ist offenbar gegenwärtig in denen, die sich mit ihm verbunden haben. In seiner Menschwerdung hat Gott sich mit jedem Menschen verbunden, sagt das II. Vatikanische Konzil. Mit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi wird mein Nächster zum Bruder oder zur Schwester, für die (in deren Leben hinein) Christus gestorben ist. Das gilt für alle – und besonders für jene, die arm oder krank, einsam oder gefangen, nackt oder hungrig sind. Es gibt kein Leid, in das die Liebe Gottes uns nicht vorausgeht, damit wir ihn dort suchen und finden, wo wir mit ihm den Leidenden dienen. Christsein heißt nun, im Glauben darein einwilligen, dass unser Leben von seinem Tod und seiner Auferstehung, von seinem Wort und Wirken geformt und verwandelt wird. Wo das geschieht, wird unser Leben zum Zeugnis, das von dem erzählt, der gekommen ist, damit alle von Gott gefunden werden und keiner verloren geht. Fra' Georg Lengerke
01:56
May 16, 2019
190515 BDZ 4. Osterwoche Mittwoch Wort wie Licht Joh 12,44-50
Ein bekannter Kanon beginnt: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht.“ Warum? Weil es Hoffnung und Zukunft, Halt und Trost bringt. Gut, das kann man jetzt für etwas banal halten. Aber wenn wir uns überlegen, welche Rolle das Wort Gottes im Leben der meisten Christen spielt, ist diese biblische Parallele von Licht und Wort (Ps 119,105) doch bedenkenswert. Im heutigen Evangelium finden wir eine weitere Parallele, die nicht ganz so harmlos ist. Jesus spricht davon, was passiert, wenn einer sein Wort zwar hört und erkennt, aber es nicht annimmt. Nicht er wird diesen Menschen richten, sagt Jesus, sondern eben sein Wort (Joh 12,47-48). Aber wie kann das Wort richten? Kurz davor erinnert Jesus daran, dass er das Licht ist, das in die Welt kommen soll, damit derjenige, der an ihn glaubt, nicht in der Finsternis bleibt (V. 46). Auch das Licht ist für Jesus ein Bild für das Gericht: Es kommt in die Welt, wird abgelehnt und bringt zum Vorschein, dass die Menschen die Finsternis lieber haben als das Licht (Joh 3,19). Gottes Wort ist wie Licht. Es erhellt nicht nur die Welt um den herum, den es trifft, es erleuchtet ihn auch, macht ihn erkennend und macht ihn selbst zum Licht. Wenn er will. Wenn er nicht will, dann beleuchtet es einfach nur sein Leben, wie es ist, bringt Verhärtung, Trotz und Unwillen zum Vorschein. Gottes Wort sagt uns nicht nur, was ist oder was zu tun sei. Es bringt zum Vorschein, wie wir sind. Schon jetzt. Und einmal endgültig am Jüngsten Tag. Bis dahin sollten wir nicht warten. Fra' Georg Lengerke
02:07
May 15, 2019
190514 BDZ 4. Osterwoche Dienstag Hingehalten werden Joh 10,22-30
Die kritischen Zuhörer Jesu werden ungeduldig: „Wie lange noch willst Du uns hinhalten?“ (Joh 10,24) Viele kennen diese Ungeduld: Warum zeigst Du Dich nicht als mächtiger Gott, der den Menschen vor dem Bösen, vor Schmerz, Leid und Tod bewahren kann? Warum tust Du nichts? Wie lange willst Du uns noch hinhalten? Jesus gibt darauf zwei Antworten: Die erste Antwort lautet: Ich habe gesagt, was sagbar, und offenbart, was zu offenbaren ist. Ich halte nicht Euch hin, vielmehr habe ich mich Euch hingehalten. Eine größere Eindeutigkeit ist hier und jetzt nicht möglich. Nun seid Ihr an der Reihe. Ich kann Euch den Schritt ins Vertrauen nicht ersparen. Es braucht Euer Ja, das sich aus der Begreifbarkeit ins Unbegreifliche, aus der Messbarkeit ins Unermessliche und aus dem Anspruch in die Liebe hinaustraut. Die zweite Antwort lautet: Es ist noch nicht so weit. Und Ihr seid noch nicht so weit. Erst später wird Petrus den Sinn der Fußwaschung verstehen (Joh 13,7), erst später kann er dem vorausgehenden Herrn auf dem Weg folgen (Joh 13,13), erst später wird der Geist der Wahrheit die Jünger in die jetzt noch unerträgliche „ganze Wahrheit“ führen (Joh 16,13). Es gibt Fragen, auf deren Antwort wir warten sollen, Schicksale, deren Sinn uns einmal offenbart werden wird, und Wege, die zu gehen uns erst noch geschenkt werden muss. Schenke mir, Herr, dass ich mich hintraue zu Dir, und die Geduld, jeweils Deinen Augenblick zu erwarten. Amen. Fra' Georg Lengerke
01:58
May 14, 2019
190512 BDZ 4. Osterwoche Sonntag Dass du mich kennst Joh 10,27-30
Am Schluss der Rede über den guten Hirten sagt Jesus: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir.“ (Joh 10,27) Mit dem Kennen und dem Gekanntwerden ist das so eine Sache. Wo wir jemanden wirklich kennen, da hat er uns Einblick und sich zu erkennen gegeben. Das kann sehr schön sein. Oder sehr ernüchternd. Je nachdem, was wir finden. Und je nachdem, wie gut wir jemanden wirklich kennen (wollen). In einem neuen geistlichen Lied beginnt der Refrain mit den Worten: „Und ich danke dir, dass du mich kennst und trotzdem liebst.“ Immer denke ich: Irgendwas stimmt da nicht. Das hieße ja: Je besser wir jemanden kennen, umso mehr Gründe finden wir, ihn nicht zu lieben. Das mag manchmal für den zweiten Blick hinter die Fassade stimmen. Aber dann ist auch das Gegenteil wahr: Je besser wir jemanden kennen, umso mehr verstehen wir, wie er so geworden ist, umso mehr kommen wir dahin, wo das Ja Gottes niemals zu wohnen aufgehört hat. Ich bin versehrt. Vielleicht auch tief. Ich bin zutiefst des Erbarmens, der Vergebung, der Erlösung bedürftig. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Reformatoren recht damit haben, dass ich durch und durch verdorben bin; dass nichts in mir übrig sein soll, was der Liebe lieb ist. Herr, Du liebst mich nicht obwohl, sondern weil Du mich kennst. Und so dank ich Dir, dass Du mich kennst – und deshalb liebst. Amen Fra' Georg Lengerke
02:06
May 12, 2019
190511 BDZ 3. Osterwoche Samstag Wollt auch ihr gehen? Joh 6,60-69
Für die Jünger ist die Rede Jesu vom Essen und Trinken seines Fleisches und Blutes unerträglich. Viele gehen weg. Auch von den Zwölfen fordert Jesus eine Entscheidung: „Wollt auch ihr weggehen?“ (Joh 6,67) Gehen oder bleiben? Das ist die Frage – bis heute. Mittlerweile auch für solche, die bis vor kurzem noch mit der Kirche gelebt und gebetet haben. Weggehen ist eine Option – sei es durch innere Emigration oder Austritt. Angeblich sind die Gründe andere: Damals: Jesu Wort und seine Wörtlichnahme, seine Nähe zu den Sündern (wie Ehebrechern oder Kinderschändern), sein Anspruch, uns Gott in Person zu offenbaren. Heute: menschliches oder institutionelles Versagen, Unzeitgemäßheit, Vertuschung von Verbrechen. Aber sind die damaligen nicht auch die heutigen Gründe? Und gab es die heutigen nicht auch schon damals? Petrus antwortet auf die Frage Jesu nicht: „Wie kommst Du denn darauf?“ Er sagt: „Wohin sollen wir gehen?“ Er hat sich umgeschaut und nichts gefunden, was dem von Jesus Gehörten und mit ihm Erlebten gleicht. Ich gehöre zur Kirche nicht wegen der Treue der untreu Gewordenen, oder wegen der Glaubhaftigkeit jener, die heilige Macht blasphemisch missbraucht haben. Ich gehöre zur Kirche, weil in ihr Christus lebt, liebt und leidet und Sünder wie mich an sich zieht und versöhnt. Du, Herr, hast Worte des ewigen Lebens. Du bist der Heilige Gottes. Dahinter kann und will ich nie mehr zurück. Fra' Georg Lengerke
02:16
May 11, 2019
190510 BDZ Sein Fleisch essen Joh 6,52-59
Wem das Johannesevangelium bisher zu vergeistigt war, der kommt jetzt auf seine Kosten: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt“, sagt Jesus, „habt ihr das Leben nicht in Euch.“ (Joh 6,53) Im Johannesevangelium ist mit Menschensohn immer der auferstandene, erhöhte Herr gemeint. Es geht nicht um Menschenfresserei. Aber es bleibt die Provokation vom „Essen“ (wörtl. „Kauen“) seines „Fleisches“ und „Blutes“. Offenbar handelt es sich um eine fundamentale Aussage darüber, wie Jesus Christus durch die Zeiten hindurch für uns und mit uns da sein will. Auch nach der Auferstehung Christi gibt es eine fleischliche, eine leiblich-konkrete, für uns wahrnehmbare Gegenwart. „Das Wort ist Fleisch geworden“, beschreibt das Johannesevangelium (1,14) zu Beginn die Menschwerdung. Und diese „Fleischwerdung“ wurde durch die Himmelfahrt verwandelt aber nicht rückgängig gemacht. Seine Leiblichkeit wendet sich an unsere Leiblichkeit, will sich mit ihr verbinden und in sie eingehen. ER verbindet sich uns im Wort und im Fleisch, geistlich und leiblich. Und so kann dann auch unsere Antwort geistlich und leiblich sein. Wir gehören auch leiblich zu Christus, weil Christus sich leiblich bezeugen, offenbaren und vergegenwärtigen lassen will – vom einzelnen wie von der Gemeinschaft der Kirche, zu der Paulus später sagt: „Ihr seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.“ (1 Kor 12,27) Fra' Georg Lengerke
02:00
May 10, 2019
190509 BDZ 3. Osterwoche Donnerstag Gezogen werden Joh 6,44-51
„Niemand kann zu mir kommen“, sagt Jesus, „wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“ (Joh 6,43) Vor der Revision der Einheitsübersetzung stand da führt statt zieht. Vielleicht weil ziehen zu sehr nach zerren und nach Einschränkung unserer Entscheidungsfreiheit klingt. Diese Frage hat schon den heiligen Augustinus beschäftigt. Aber, so sagt er, wir können nicht gegen unseren Willen glauben. Wir werden nicht gezerrt, sondern angezogen; weniger gedrängt als verlockt. Das Ziehen Gottes ist seine Antwort auf unser Verlangen nach ihm. Es hat mit seiner Anziehungskraft, seiner Attraktivität zu tun. Zweimal ist im Johannesevangelium vom Ziehen Gottes die Rede: einmal an der Stelle, die heute gelesen wird: die kommen zu Christus, die vom Vater gezogen werden. Und dann kurz vor seinem Leiden als Jesus sagt: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zu mir ziehen.“ (Joh 12,32) Der Vater zieht uns zum Sohn, und der erhöhte Christus zieht uns dort an sich, wo seine Liebe der Schuld der Welt standhält und den Tod besiegt. Es gibt ja viele Dynamiken und Kräfte, die uns ziehen (oder an uns zerren). Und nicht alle kommen von Gott. Also kommt es erstens darauf an, dass wir unterscheiden und entscheiden, von welcher Kraft wir uns ziehen lassen wollen. Und zweitens darauf, dass wir Gott bitten, uns zu ziehen: „Fühlst du dich nicht von Gott gezogen“, rät der hl. Augustinus, „dann bete, damit du gezogen werdest!“
02:03
May 9, 2019
190508 BDZ 3. Osterwoche Mittwoch Zwei Urängste Joh 6,35-40
Im heutigen Evangelium spricht Jesus von zwei Urängsten: abgewiesen (bzw. herausgeworfen) zu werden und zugrunde zu gehen (genauer: verloren zu gehen). Diese Urängste können unser Leben fundamental bestimmen: Individuell bestimmen sie uns, wo wir aus Angst vor Abweisung, Ausschluss oder Einsamkeit bereit sind, zu tun oder zu sagen, was wir eigentlich nicht wollen oder sollen, uns anzupassen, wo Abweichung geboten wäre, oder nachzugeben, wo wir beharrlich bleiben sollten. Gemeinschaftlich bestimmen sie uns, wo z.B. der Respekt vor der Entscheidung, zu einer Gemeinschaft nicht dazuzugehören, als Exklusion und Diskriminierung verstanden wird, oder wo das Bestehen auf die Selbstverantwortung des Menschen als mangelnde (gemeinschaftliche oder staatliche) Fürsorge gilt. Jesus Christus begegnet uns immer als Empfänger und zu Empfangener: Ihm sind wir vom Vater anvertraut. Er nimmt uns die Angst vor menschlicher Exklusion. Er weist keinen ab, der zu ihm gehören, und lässt keinen im Tod, der nicht in der Selbstverschließung bleiben will. Zugleich ist er Gott selbst, der als Mensch in die Welt kommt und herausgeworfen wird. Der Auferstandene wirbt darum, dass wir ihn nicht abweisen und verloren geben, sondern aufnehmen und ihm Raum und Stimme geben – in seinem heiligen Wort und Wirken, in seinen Zeugen und in den Armen und Kleinen. – Wir werden aufgenommen von dem, den wir nicht abgewiesen haben.
02:03
May 8, 2019
190507 BDZ 3. Osterwoche Dienstag Gabe oder Geber Joh 6,30-35
Woran erkennen wir, ob wir einen Menschen wirklich lieben? Indem wir uns fragen, ob es uns mehr um das geht, was er uns gibt, oder um den Anderen selbst. Die Nähe des Anderen, sein Ohr und sein Leib, sein Verständnis und sein Witz, seine Urteilskraft und seine Dienstbereitschaft – alles das sind große und wichtige Gaben. Aber sie können sich ändern oder ausfallen. Was bleibt dann? Wenn es mir mehr um die Gaben als um den Geber geht, dann liebe ich in Wirklichkeit gar nicht den Anderen, sondern nur das, was ich von ihm habe. So geht es vielen. Und so geht es Jesus mit den Menschen: Es geht Euch nicht um die Zeichen und was sie bezeichnen, sondern um das Brot und die Wunder – so die Quintessenz des gestrigen Evangeliums (Joh 6,22-29). Als Jesus von dem Brot vom Himmel spricht, das den Hunger und Durst nach Leben, Sinn, Vollendung stillt, da bitten ihn die Menschen: „Gib uns immer dieses Brot!“ – „Ich bin das Brot des Lebens.“ antwortet der Herr, der Geber und Gabe zugleich ist. Wir dürfen das, was von Gott kommt, nicht von Gott trennen. Wir dürfen die Gaben nicht vom Geber und die Zeichen nicht vom Bezeichneten trennen: das „Brot vom Himmel“, Wort und Gebot, selbst mein Nächster – alles das sind Gaben Christi, die nicht ohne ihn zu haben sind. „Gib uns in allem Dich selbst“, so dürfen wir beten, „und schenke uns, dass es uns miteinander um Dich geht – und mit Dir um die, die Du mit uns lieben willst.“ Fra' Georg Lengerke
02:05
May 7, 2019
190505 BDZ 3. Ostersonntag, Entgegenkommend Joh 21,1-19
Zwischen Liebenden wäre ein solches Gespräch möglicherweise eines der letzten gewesen. Wenn einer den anderen dreimal fragt, ob er ihn liebt, wird der Gefragte vermutlich nicht bloß traurig sein, sondern aus dem Zimmer gehen. Zwischen Petrus und dem Auferstandenen knüpft die dreimalige Frage an die dreimalige Verleugnung Petri an. Es scheint, als müsse die dreimalige Verleugnung durch die dreimalige Frage, Antwort und Sendung geheilt werden. Um jedoch den tieferen Sinn dieses Dialoges zu erfassen müssen wir zwei unterschiedliche griechische Worte für „lieben“ richtig verstehen: „agapao“ (Gott lieben) und „phileo“ (den Freund lieben). Beim ersten Mal fragt Jesus den Petrus: „Liebst Du mich, wie es Gott gebührt (agapas me)?“ und Petrus antwortet: Du weißt, dass ich dich liebhabe als Freund (philo se).“ Es steht also ein Dissens im Raum: Jesus fragt nach der Gottesliebe und Petrus bekennt sich zur Freundschaftsliebe. Darauf das gleiche noch einmal: „Agapas me?“ – „Philo se.“ Beim dritten Mal ändert sich die Frage Jesu: „Phileis me?“ – „Liebst du mich als Freund?“ Bei der Frage nach der Freundschaftsliebe wird Petrus traurig, obwohl er sich zu ihr bekennen kann. Jesus kommt ihm entgegen. Er fragt nicht nach dem Ideal, sondern nach dem, wozu der Freund fähig ist. Petrus ist traurig, weil sein Stolz gebrochen wird. Erst jetzt kann er gesendet werden. Und später wird das seine ganze Seligkeit sein. Fra' Georg Lengerke
02:09
May 5, 2019
190504 2. Osterwoche Samstag Komm übers Wasser Joh 6,16-21
Komm zu uns, Herr, über das Wasser unserer Furcht, über das Wasser unseres Untergangs, über das Wasser des Todes. Komm zu uns, Herr, durch den Sturm der Empfindungen, durch den Sturm der Entrüstung, durch den Sturm der Entmachtung. Komm zu uns, Herr, in das Boot Deiner Kirche, in das Boot unseres Lebens, in das Boot meines Leibes. Komm zu uns, Herr, und bleib im Kommen bis wir das Ufer erreichen, an dem wir für immer zu Hause sind miteinander bei Dir. Amen. Fra' Georg Lengerke
00:58
May 4, 2019
190503 Philippus & Jakobus, Gottesbilder? Joh 14,6-14
Anbetung in der Münchener Asamkirche. Vincent (7) stößt seine Mutter an, zeigt auf den großen Gnadenstuhl über dem Altar und flüstert: „Mami, schau mal! Die haben Gottvater dargestellt! Ich dachte, das ist verboten.“ Ist es auch. Vincent hat recht. Zwar hat das 7. Konzil von Nizäa 787 die Darstellung Christi, Mariens und der Heiligen gegen die Ikonoklasten verteidigt. Aber später hat die Kunst offenbar vergessen, dass wir uns von Gott selbst kein Bild machen dürfen (Ex 20,4). Warum nicht? Erstens weil jedes menschengemachte(!) Bild Gott nicht darstellt, sondern entstellt. Zweitens weil es die Versichtbarung Gottes ja schon gibt: Zuerst den Menschen, der „im Bild Gottes geschaffen“ ist (Gen 1,27), so dass Adam der Eva und Eva dem Adam Gott offenbart. Dann, nach der Selbst-Entstellung dieses ursprünglichen Bildes, indem Gott uns in Jesus Christus das „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15) gibt, in dem er selbst für uns sichtbar wird. Es gibt Christen, die beten gar nicht Gott an, sondern ihr Gottesbild. Mit dem Satz: „Das entspricht nicht meinem Gottesbild!“ hat schon mancher das Gespräch über Gott (oder mit Gott) beendet. „Zeig uns den Vater; das genügt uns“, sagt Philippus, und klingt dabei ein wenig ungeduldig. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, antwortet ihm Jesus. Das Gottesbild der Christen ist Christus, in dem sich uns Gott selbst zeigt. Wir kommen mit ihm an kein Ende. Bis wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Fra' Georg Lengerke
02:02
May 3, 2019
190502 2. Osterwoche Donnerstag, Hoheit erniedrigen sich, Joh 3,31-36
Am Ende des heutigen Evangeliums ist von denen die Rede, die „dem Sohn nicht gehorchen“ und deshalb „das Leben nicht sehen“. Das sind nicht irgendwelche Leute, die offensichtlich Böses wollen und tun. Es sind zuerst jene, die den Sohn Gottes kennen, sein Wort hören und verstehen und es dennoch nicht annehmen. Denn es gibt auch einen scheinbar frommen Ungehorsam. Das Johannesevangelium spricht sowohl von der Hoheit Jesu Christi, „der von oben kommt“ und „über allen steht“ als auch von seiner Erniedrigung in unser Menschsein hinein und bis in die Gottesferne am Kreuz. Es kann sein, dass jemand beides anerkennt – Hoheit und Erniedrigung – und sich trotzdem vor der Menschwerdung Gottes in Sicherheit bringt. Entweder indem er die Hoheit so weit von sich wähnt und hält, dass sie nicht nur Gott für uns, sondern uns für Gott unerreichbar macht. Oder indem er die Erniedrigung Jesu derartig extremiert, dass sie wiederum dem eigenen Leben nichts mehr zu sagen hat. Aber in Jesus steigt die anbetungswürdige Hoheit Gottes in unser wirkliches Leben hinab. Bis in Dunkelheiten, die wir uns ohne ihn nicht wahrzunehmen trauten. Mit Jesus leben heißt, seine Gottheit annehmen als jene Liebe, die in mein tägliches, vielleicht belanglos scheinendes Leben hinein spricht und es zu seinem Leben macht. Dann hat hier und jetzt meine Auferstehung und das österliche Leben schon begonnen. Fra' Georg Lengerke
01:53
May 2, 2019
190501 2. Osterwoche Mittwoch Geliebte Welt, Joh 3,16-21
Die Welt ist ein zwielichtiger Ort. Hell in ihrer überwältigenden Schönheit und ihrer unausdenklichen Wunderbarkeit. Dunkel in ihrem schrecklichen Leid und dem raffiniert-mächtigen Bösen in ihr. Im Johannesevangelium bezeichnet „Welt“ beides: Zum einen den Ort der Abgewandtheit von Gott, an dem „die Menschen die Finsternis lieber haben als das Licht“, an dem der Mensch sich selbst und seinen Nächsten, seine Berufung und Begabung, Vergangenheit und Zukunft allein nach inner-„weltlichen“ Kriterien und Maßstäben beurteilt und an dem das Böse als „Herrscher dieser Welt“ mächtig ist. Zum anderen ist sie Gottes Schöpfung. Versehrt, aber nie aufgegeben. Im Gegenteil: „Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn hingab“, um in ihr vom Vater her „Licht der Welt“ zu sein und sein Leben für das „Leben der Welt“ zu geben, damit diese gerettet wird. Das Kommen Gottes in die Welt als Mensch bricht ihre Selbstherrlichkeit und ihre Deutungshoheit auf. Verbunden mit ihm ordnet sich unser je eigenes Leben, das Leben der Kirche und der Welt neu. „Entweltlichung“ (Benedikt XVI.) ist nicht Rückzug aus der Welt. Sie bedeutet im Gegenteil Hinwendung zu ihr – jedoch in der Mitliebe mit Gott, die sich nicht „weltlich“ verstehen oder vereinnahmen lässt. Sie mag noch so kaputt sein. Gott liebt diese Welt (und jeden von uns in ihr) um den Preis seines eigenen Lebens. Fra' Georg Lengerke
02:09
May 1, 2019
190430 2. Osterwoche Dienstag: Irdisches und Himmlisches, Joh 3,7-15
In dem nächtlichen Gespräch, das Jesus mit dem Pharisäer Nikodemus führt, geht es um die ganz großen Fragen: Über Gott und Welt, über Himmel und Erde. Aber offenbar glauben die Menschen ihm weder das eine noch das andere: „Wenn ich zu euch über irdische Dinge gesprochen habe und ihr nicht glaubt, wie werdet ihr glauben, wenn ich zu euch über himmlische Dinge spreche.“ (Joh 3,12) Der Franziskanerpater Hans Stapel, einer der Gründer der „Fazenda da Esperança“ erzählte, er sei einmal gefragt worden, wieso er an Gott, die Auferstehung und den Himmel und lauter Dinge glaube, die niemand je gesehen hätte. Darauf antwortete er: Der ganz überwiegende Teil dessen, was Jesus sagt, betrifft das tägliche Leben, meinen Nächsten und die Welt, die Liebe und das Glück, die Vergebung und den Umgang mit dem Schmerz. Das habe ich alles ausprobiert und alles ist wahr. Deshalb kann ich ihm auch Gottvater und den Himmel, die Vollendung der Welt und meines Lebens bei ihm glauben. Wenn wir Stunde um Stunde, Tag um Tag im Kleinen ernst mit dem Wort Jesu machen und mit dem was er uns über uns selbst und unsere Nächsten, über das Leben und die Liebe, den Schmerz und das Glück sagt, dann werden wir feststellen, dass er die Wahrheit sagt. – Und dann werden wir ihm auch die Auferstehung und den Himmel glauben und uns darauf freuen. Fra' Georg Lengerke
01:44
April 30, 2019
190428 2. Sonntag Osterzeit: Was wir wissen, glauben wir Joh 20,19-31
Der Zweifel des heiligen Thomas ist eine schreckliche Not. Sie hat nichts mit denen zu tun, die arrogant die „Naivität“ der Glaubenden belächeln und damit kokettieren, „sie hätten da so ihre Zweifel“. Die übrigen Apostel haben den Herrn gesehen. Thomas bleibt außen vor. Er gehört nicht mehr dazu. Die Einsamkeit seines Zweifels muss schrecklich gewesen sein. Aber Wissen und Glaube sind keine Gegensätze. Streng genommen wissen wir nur das, was sichtbar und erkennbar ist und was wir selbst gesehen und erkannt haben. Das allermeiste, wovon wir sagen, dass wir es wissen, haben wir anderen geglaubt. Den Eltern und Freunden, den Wissenschaftlern und Journalisten, den Politikern und den Zeugen. Entweder, weil nicht wir, sondern sie es gesehen und erkannt haben, oder weil es prinzipiell unsichtbar ist. Er wisse, dass England eine Insel sei, schreibt C.S. Lewis, obwohl er es selbst nicht gesehen, sondern anderen geglaubt habe. Alle wirklich großen Dinge, die uns bewegen, sind unsichtbar: Liebe, Würde, Glück, Himmel. Wir müssen sie anderen glauben. Selbst das, was wir sehen, müssen wir glauben. Zu Thomas sagt Jesus: „Du glaubst [nicht: du weißt], weil du gesehen hast.“ Glaube ist Welterkenntnis. Den Schritt ins Vertrauen kann uns keiner abnehmen. Wer prinzipiell alles bezweifelt, ist der Verzweiflung nahe. Wir können die Liebe nicht anfassen. Sie fasst uns an. Wenn wir ihr glauben. Fra' Georg Lengerke
02:10
April 28, 2019
190421 Ostersonntag: Zum Leben erschrocken Lk 24, 1-12
Ostern beginnt nicht mit einer freudigen Überraschung, sondern mit einem Todesschrecken. Das Grauen des Sterbens Jesu setzt sich in der Wegnahme seines Leibes fort. Auch noch die Todesverlässlichkeit wird infrage gestellt. Solche Erschütterung tut not, wenn die Osterfreude in uns wahr werden soll. Wir müssen erschüttert werden in unserer Angst vor dem Sterben, um der Liebe willen, die den Tod besiegt. Wir müssen erschüttert werden im Glauben an die Welt als geschlossenem System und an die menschliche Allmacht, die weder retten noch unsterblich machen kann. Wir müssen erschüttert werden in unseren falschen Vorstellungen von Gott und vom Menschen. Wir müssen erschüttert werden, wo wir die Fassade für die ganze Kirche oder die ganze Kirche für Fassade, wo wir Trotz für Treue oder Treue für Trotz halten. Die Kirche und viele von Euch werden in dieser Zeit immer wieder erschüttert. Und es ist wahr, dass die Osterbotschaft erschüttert. Aber nicht jede Erschütterung ist Osterbotschaft. Auf Pfingsten zu können wir lernen, das Erschrecken des Feindes zum Tod vom Erschrecken Gottes zum Leben zu unterscheiden. Und wenn der Osterschreck zur Osterfreude und die Osterfreude in unserem Leben mächtig wird, dann werden wir den auferstandenen Herrn froh und furchtlos bitten: Herr, erschrick uns zum Leben, damit wir österliche Menschen werden. Amen Fra' Georg Lengerke
02:02
April 21, 2019
190420 Karwoche Karsamstag: Steh auf in mir
Du Auferstandener bist hinabgestiegen in den Tod und zu allen, die er in sich begraben hat. Steig auch in mir hinab bis in alles, was in mir tot ist, und zu allem, was auf Dein Leben wartet und Dein Licht. Du bist wahrhaft auferstanden aus dem Grab und führst die Toten ins Leben, die Verdunkelten ins Licht und die Sünder in die Versöhnung des Vaters. Steh auch auf in mir, aus meinen Gräbern, und hebe, was in mir tot ist, ins Leben, mein Unansehnliches in den liebenden Blick und meine Schuld in die wartenden Arme des Vaters. Amen. Fra' Georg Lengerke
01:01
April 20, 2019
190419 Karwoche Karfreitag: Anteilnahme, Joh 18,1-19,42
„Mami, ich will den Mann nicht sehen!“ sagte mein vierjähriger Neffe schluchzend angesichts des Kreuzes überm Gästebett. So geht es mir auch, wenn ich ihn ernstnehme. Und drei Mal heißt es heute in den Lesungen: „Sieh hin!“. 1. „Siehe, der Mensch!“, sagt Ponitus Pilatus über den gegeißelten Jesus (Joh 19,5). Das ist der leidende, geschundene, entwürdigte Mensch. So geht ihr miteinander um, mit Euch selbst und mit Gott. Und so stünde es um Euch, wenn alles auf Euch 1:1 zurückfiele, was ihr „Gutes unterlassen und Böses getan“ habt. 2. „Siehe, mein Knecht!“, lässt Jesaja Gott über den leidenden Gottesknecht sagen (Jes 52,13). Der verbindet sich in Gottes Namen so mit den Leidenden und den Sündern, dass er an ihre Stelle tritt: „Er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen.“ (Jes 53,4.5) Siehe, sagt der Prophet, so ist Gott als Mensch! 3. „Siehe, das Holz des Kreuzes!“, wird bei der der Kreuzenthüllung gesungen. Hier ist der Ort, bis wohin der Mensch sich verlieren kann. Hier ist der Ort, an den Gott der Sohn auf der Suche nach dem Menschen geht, um ihn zu finden. Gestern hat er uns Anteil an seiner Liebe und an seinem Leib gegeben. Heute nimmt er Anteil an unserem Leib und Leben bis in den Tod, damit wir ihm Anteil geben und mit ihm zum Vater und ins wirkliche Leben finden. Sehen wir hin! Fra' Georg Lengerke
01:56
April 19, 2019
190418 Karwoche Gründonnerstag: Anteilgabe, Joh 13,1-15
Der letzte Satz des heutigen Evangeliums lässt Christen in der Regel in die Moralisierungsfalle tappen: Weil er den Jüngern die Füße gewaschen habe, sagt Jesus, sollen auch sie einander die Füße waschen. In dieser Haltung sollen wir einander und der Welt begegnen. Wetten, dass darüber heute Abend tausendfach gepredigt wird? Davon handelt der Rest des Textes aber gar nicht. Der handelt davon, dass sich die Jünger die Füße waschen lassen sollen. Für die meisten Menschen ist Füßewaschen viel leichter, als sich die Füße waschen zu lassen. Das ist aber das Entscheidende: dass die Jünger zulassen, dass Jesus ihnen den niedrigsten Dienst tut und an den buchstäblich letzten Dreck ihres Lebens rührt, von dem sie sich selbst nicht befreien können. Als Petrus sich verweigert, sagt Jesus ihm, wozu das ganze gut sein soll: „Wenn ich Dich nicht wasche, hast Du keinen Anteil an mir.“ Es geht um seine Anteilgabe und unsere Anteilnahme an der Liebe und am leiblichen Leben Jesu. Deshalb gehören Fußwaschung und Eucharistie zusammen. In der Fußwaschung bekommen wir Anteil an seiner Liebe zu uns und den Anderen. In der Eucharistie bekommen wir Anteil an seinem Leib und Leben, weil wir leiblich mit ihm verbunden lieben sollen. Davon handelt das ganze Leben Jesu und der Kirche und unser ganzer Glaube: dass wir schon hier Anteil am Leben Gottes und an seiner leiblichen Liebe zur Welt bekommen. Fra' Georg Lengerke
01:58
April 18, 2019
190417 Karwoche Mittwoch Verrat mit Ansage II, Mt 26,14-25
Es gibt zwei Weisen, sich vor dem Apostel Judas Iskariot in Sicherheit zu bringen: seine Dämonisierung und seine Idealisierung. Dämonisiert wird er als willenlose Inkarnation des Teufels. Das belege bspw. die gestrige Bemerkung, der Satan sei in ihn gefahren (Joh 13,27). Aber Judas war nicht zum Bösen verdammt. So etwas tut die Liebe Gottes nicht. Ungeachtet seiner Schwächen war er „einer der Zwölf“ (Mt 26,14), erwählt, berufen und mit Vollmacht gesandt – bis er sich selbst der Dynamik des widergöttlich Bösen überließ. Idealisiert wird er als auserwähltes Instrument Gottes, das Jesus die Gelegenheit gibt, sich entweder als machtvoller Messias im Sieg über seine Peiniger oder als der zu erweisen, der durch seinen Tod die Welt erlöst. Judas als Mitwirker der Erlösung – weil angeblich auch das augenscheinlich Böse eigentlich immer dem göttlich Guten diene. Wer sich so vor Judas in Sicherheit bringt, verkennt die schreckliche Möglichkeit des Judas in sich selbst. Als Jesus sagt: „Einer von Euch wird mich überliefern“, fragen die Jünger nacheinander: „Bin ich‘s?“ In der Matthäuspassion von J. S. Bach folgt auf diese Frage (in manchen Aufführungen praktisch ohne Pause) der Choral: „Ich bin‘s, ich sollte büßen …“ Erst, wenn wir uns der Möglichkeit des Judas in uns stellen und jener Momente, wo wir sie bereits verwirklicht haben, können wir uns bis auf den Grund unserer Gedanken, unserer Motive und unseres Herzens lieben lassen – und so wahrhaft Liebende werden. Petrus hat uns das vorgemacht. Fra' Georg Lengerke
02:05
April 17, 2019
190416 Karwoche Dienstag Verrat mit Ansage I, Joh 13,21-33.36-38
Die Tage vor Ostern sind einerseits von einer großen Intimität geprägt: die Abschiedsworte Jesu, die Fußwaschung, das Abendmahl. Andererseits deuten sich schreckliche Brüche an, bis uns berichtet wird: dass alle Jünger Jesus verlassen (Mt 26,56). Alle. Heute ist zweimal vom Verrat die Rede: vom Verrat des Judas und dem Verrat Petri. Von Judas wird morgen die Rede sein. Heute geht es um Petrus. Petrus brennt für Jesus. Oder vielleicht müsste man genauer sagen: Er brennt für seine Vorstellung von Jesus. Er will ihm nicht nur folgen. Er will ihm vorangehen. Sein Leben für ihn geben. Für ihn sterben. Am Vorabend von Ostern ist die Geschichte an eine unüberwindliche Grenze gekommen. Auch für die Jünger ist die Nacht gekommen, „in der niemand mehr wirken kann“. (Joh 9,4) Die Geschichte geht andersherum als Petrus sie sich denkt: Nicht wir sterben für die Liebe. Zuerst stirbt die Liebe für uns. Und siegt, weil sie auch im Brennglas des Hasses die Liebe bleibt. Dies sind die Tage, in denen wir darum bitten sollten, dass unsere Liebe echt wird. Die Jünger werden Liebende in dem Maß, in dem ihre falschen Vorstellungen von Gott, von ihren Nächsten und von sich selbst im besten Sinne „enttäuscht“ werden. Wenig später wird Petrus den Herrn verleugnen und sagen: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ (Mk 14,71) Bis Ostern hatte er damit vermutlich recht. Fra' Georg Lengerke
02:03
April 16, 2019
190414 6. Fastenwoche Palmsonntag Die Steine schreien Lk 19,28-40
Die Liturgie des Palmsonntages ist die spannungsreichste des Kirchenjahres. Sie beginnt mit dem Evangelium des Einzuges nach Jerusalem, auf dem Jesus das messianische „Gesegnet, der kommt im Namen des Herrn!“ (Ps 118) entgegengerufen wird. Später wird die Passion gelesen, in der das Volk den Tod Jesu fordert: „Ans Kreuz mit ihm!“ (Lk 23,21) Die Masse ist leicht verführbar, wetterwendisch und jeweils begeistert vom letzten Schrei und vom größten Schreihals. Heute wird das Eingangsevangelium nach Lukas (19,28-40) gelesen. Die Jünger rufen das „Hosanna!“ und die Pharisäer sagen Jesus, er solle seine Jünger zum Schweigen bringen. Er antwortet: „Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien.“  Das ist ein apokalyptisches Wort. Als wollte er sagen: Der Sohn Gottes ist unwiderruflich in der Welt. Ihr werdet den Ruf niemals zum Verstummen bringen. Wenn diese nicht schreien, werden es die Steine tun. Die Steine des zerstörten Tempels werden schreien, die Steine der Katakomben und Krypten, der Basiliken und Dome, der Kathedralen und Kapellen, der Klöster und Dorfkirchen werden schreien, dass Gott in die Welt, der Gesalbte Gottes in sein Heiligtum und der gekreuzigte Auferstandene in die Gottesfinsternis gekommen ist. Und wenn irgendwann schlimmstenfalls selbst die Christen und die Hirten unserer Tage schweigen – werden die Steine schreien. Wird jemand da sein, der sie hört?
01:58
April 14, 2019
190413 BDZ 5. Fastenwoche Sa Der unfreiwillige Prophet Joh 11,45-53
Der Hohe Rat beschließt die Tötung Jesu von Nazareth. Der Mann bringt immer mehr Menschen hinter sich und wird politisch zur Gefahr. Wenn das so weiter geht, werden die Römer eingreifen und dem Volk die relative Eigenständigkeit und das Zentralheiligtum der Juden in aller Welt nehmen. Das darf nicht passieren. Aus solchen politischen Überlegungen schließt der Hohepriester Kajaphas: Besser einer stirbt an der Stelle aller, als dass alle wegen des einen zugrunde gehen. Er argumentiert politisch, aber der Evangelist sagt, er rede unwissentlich prophetisch: Dieser Eine lässt sich die Sünde der Welt selbst antun, mitsamt ihrer Folgen für die Täter wie für die Opfer. An seinem Erbarmen verausgabt das Böse sich tödlich. Und so sammelt er sein Volk: die Kirche aus Juden und Heiden. Das politische Kalkül ist eine Versuchung des Volkes Gottes bis heute: Besser die Rede von Jesus Christus und seiner Wiederkunft und der Ruf in seine Nachfolge stirbt, als dass der Kirche ihr politischer Einfluss, ihre Sozialkonzerne und ihre materiellen Möglichkeiten genommen werden. Jesus lässt sich nicht aus der Welt werfen – er lebt und bleibt, auch noch als Verworfener. Und dort, wo er verworfen wird, führt er sein Volk neu zusammen. Wenn die Kirche mehr Arbeitnehmer als Mitbeter hat, werden wir merken, was wir mir Ihm angestellt haben. Und dann gnade uns Gott. Fra' Georg Lengerke
02:03
April 13, 2019
190412 BDZ 5. Fastenwoche Fr Wenn schon, denn schon Joh 10,31-42
Jesus entgeht mehrmals nur knapp der Steinigung. Aber „seine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 8,20). Der große Zusammenstoß wird sich erst am Paschafest in Jerusalem ereignen. Jesus wird Gotteslästerung vorgeworfen, da er sich in den Augen seiner Ankläger „zu Gott macht“. Er widerspricht mit Verweis auf seine Werke (die die Werke Gottes sind) und mit einem Schriftzitat, in dem der Psalm Gott sagen lässt: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.“ (Ps 82,6) Die Exegeten streiten darüber, ob hier 1. himmlische Mächte gemeint sind, die von Gott entthront werden, oder 2. Menschen, die als Götter angesprochen werden, also „Gottessöhne“ im übertragenen Sinne sind. Jesus versteht es im zweiten Sinn und verwendet das rabbinische Argument vom Kleineren zum Größeren (a minori ad maius): Wenn Gott schon von den Hörern des Wortes Gottes sagt, dass sie Gottes Söhne sind, wie könnt Ihr dann dem Gesandten Gottes (der offensichtlich Gottes Werke tut) ein solches Attribut absprechen? Wir sollten uns das Argument auch umgekehrt vom Größeren zum Kleineren (a maiore ad minus) zueigen machen, wenn es um die Würde des Menschen geht. Gott der Sohn wird selbst ein Mensch, damit der Mensch seine und seines Nächsten göttliche Würde wiederentdeckt. Die Sohnschaft Jesu Christi verteidigen heißt zugleich, die göttliche Würde des Menschen zu verteidigen – besonders der Kleinsten. Fra' Georg Lengerke
01:52
April 12, 2019
190411 BDZ 5. Fastenwoche Do Ehe Abraham wurde Joh 8,51-59
„Amen, Amen, ich sage euch. Noch ehe Abraham wurde, bin Ich.“ (Joh 8,58) Du bist das Wort, durch das die Welt wurde, die Erde, das All und die Sterne. Dich sah der Vater, als der den Menschen erschuf und ihm Geist und Lebensatem gab. Dich sah Abraham, als er den Einen Gott erkannte, und sich freute auf Dein Kommen in die Welt. Und ehe Abraham wurde, bist DU. Du bist das Lamm, dessen Blut die Rache vernichtet, und der Fels, der mit dem Volk durch die Wüste zog. Du bist der, von dem die Propheten sprachen, und der werbende Bräutigam in ihnen allen. Und noch ehe ein einziger die Stimme erhob, bist DU. Du bist Mensch geworden, als ein Mädchen Ja sagte zu Deinem Kommen in die Welt. In allem uns gleich, hast Du uns den Vater gezeigt und den Menschen, wie der Vater ihn wollte. Du hast den Feind vernichtet und den Tod durchliebt. Denn ehe der Tod wurde, bist DU. Du warst zugegen, als ich wurde, und als ich mich nach Dir sehnte, hast Du mich verlockt. Du bist für mich da im Dasein meiner Nächsten, und in ihren Herzen erwartest Du meine Antwort. Du gehst mit der Welt, die vergeht, nach Hause, und kommst uns entgegen in Herrlichkeit. Denn das Heim unseres Wehs und das Ziel aller Wege bist DU.
04:17
April 11, 2019
190410 5. Fastenwoche Mi Die Wahrheit befreit Joh 8,31-42
Denen, die zum Glauben an ihn kamen (vgl. BDZ von gestern) sagt Jesus, sie sollten „in seinem Wort bleiben“: „Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird Euch befreien.“ (Joh 8,32) Sein Wort sagt uns, „wer und wie Gott ist, und wie Gott sich den Menschen denkt“ (H. Spaemann); wohin es mit uns gekommen ist und wie wir den Weg aus der Entfremdung in die Freiheit finden. Es gibt Menschen, die mit einer grauenhaften Karikatur von Gott aufgewachsen sind. Und viele behaupten, diese Karikatur von Gott sei das von der Kirche vermittelte Bild von ihm: Alle Aussagen über Gott seien Manipulationen, um Macht über die Menschen zu gewinnen. Die Rede von der „Sünde“ sei der Zaun, um sie in solcher Abhängigkeit zu halten. In Wirklichkeit sei die „Sünde“, also die Trennung von einem solchen Gottesbild, nicht etwa Sklaverei (so Joh 8,34), sondern im Gegenteil der Weg in die Freiheit. Es brauche befreiende Gottesbilder. Ein Gottesbild sei dann wahr, wenn es in die Freiheit von kirchlicher Bevormundung führt. Nicht die (beanspruchte) Wahrheit macht frei, sondern die Freiheit (von solchem Anspruch) macht wahr. Es braucht Christen, die mit ihrem Leben jenes Bild vom wahren Gott und wahren Menschen ans Licht bringen, von dem sie glauben, dass Gott selbst es uns in Jesus Christus gegeben hat. Wo wir den Blick auf ihn und seinen Blick auf den Menschen nicht verstellen, sondern freigeben, dort wird der Mensch frei.
02:04
April 10, 2019
190409 Über den Graben glauben Joh 8,21-30
Mitten im Streit zwischen Jesus und den Juden heißt es plötzlich: „Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.“ (Joh 8,30) Das überrascht angesichts des unversöhnlichen Grabens zwischen ihm und den Zuhörern: „Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. […] Ihr werdet in Eurer Sünde sterben; [und] wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ (Joh 8,23.21) Was heißt „zum Glauben kommen“? In diesem Fall heißt es beides: Sie glauben ihm, und sie glauben an ihn. Andere haben eine Botschaft. Jesus Christus ist die Botschaft, die er verkündet. Jesus ist, was er sagt. Dabei ist er aber nicht einfach nur „authentisch“. Authentisch ist auch, wer die Sau rauslässt, die in ihm ist. Manche Authentizität ist gut verzichtbar. Jesus ist wahr und gut, weil er unverfälscht das ist, was er von Gottvater her ist. Er ist, was er sagt, und er sagt, was er vom Vater hört, und er tut, was er den Vater tun sieht. (vgl. Joh 5,19) Glauben heißt annehmen, dass der, der so anders ist, auf unsere Seite des Grabens kommt und auf unserer Seite umkommt, damit wir ihn erkennen: „Wenn ihr den Menschensohn [am Kreuz] erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin.“ Glaube ist nicht unser Seitenwechsel zu ihm, es ist zuerst die Annahme seines Seitenwechsels zu uns – damit wir immer mehr die Seinen werden. Fra' Georg Lengerke
02:06
April 8, 2019
190407 In der Mitte Joh 8,1-11
Je bekannter die Schriftstellen, umso leichter werden sie zum harmlosen Klischee. Das Klischee: ein Kreis von verhärteten Männern mit Steinen in der Hand, die die wehrlose Frau in der Mitte töten und bei der Gelegenheit Jesus als Gotteslästerer überführen wollen. Aber die Frau in der Mitte ist kein Opfer, sie ist Täterin. Es könnte dort auch eine Mörderin oder ein Kinderschänder stehen. Sie steht in der Mitte der Anklage, der ans Licht gekommenen Tat. Dort wo sie steht, muss sie sich stellen. Den Anklägern geht es mit dem Gesetz des Mose darum, das Böse aus ihrer Mitte zu entfernen (Dtn 22,24). Aber die Sünde der Frau verstellt ihren Blick auf die Ihre. „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ Sie sitzen im selben Boot. Der Lügner unterscheidet sich vom Kinderschänder erheblich, aber eben doch auch nur graduell. Als sie alle gegangen sind, steht die Frau noch immer „in der Mitte“. Was für eine Mitte ist das, wenn keiner mehr um sie steht? Es ist die Mitte der Aufmerksamkeit Jesu. Die Mitte des Erbarmens. Die Mitte der Anklage (auch der des Gewissens) wird vor ihm zur Mitte der Vergebung. Später wird er selbst „in der Mitte“ zwischen zwei Mördern sterben (Joh 19,18). Er selbst geht „in die Mitte“, um den Ort der Anklage und der Schande zu einem Ort des Erbarmens zu machen. Wären die Ankläger doch nicht weggegangen! Hätten sie sich zu der Frau in der Mitte gestellt, hätten sie mit ihr neu beginnen können. Fra' Georg Lengerke
02:01
April 7, 2019
190406 4. Fastenwoche Sa Worum der Streit lohnt Joh 7,40-53
In den Evangelien gibt es vereinfacht zwei Ebenen der Auseinandersetzung. Die Auseinandersetzung mit Jesus und die Auseinandersetzung um Jesus.  Wir sind oft mit beidem zu schnell fertig: Entweder, weil wir in der Auseinandersetzung mit Jesus immer schon auf seiner Seite sind und genau wissen, wer heute die Pharisäer und die Schriftgelehrten sind. Um Jesu Wort zu verstehen, ist es wichtig, uns etwas selbstkritischer mit denen zu identifizieren, mit denen sich Jesus auseinandersetzt.  Ähnliches gilt für die Auseinandersetzung um Jesus, von der im heutigen Evangelium die Rede ist. Uns mag es lächerlich vorkommen, wenn die Menschen z.B. darum streiten, ob er „der Prophet“ oder „der Christus“ oder keines von beidem ist und was seine Herkunft damit zu tun hat. Aber mal ehrlich: Worum geht es uns in den heutigen Spaltungen und Lagern der Kirche, die zum Teil gar nicht mehr miteinander kommunizieren?  Wir wären weiter, wenn wir um das stritten, worauf es zuerst ankommt: nämlich wer Jesus Christus für uns ist und wer wir und unsere Nächsten für ihn sind; wie er für uns da ist, zu uns spricht und an uns handelt; wie er seine Kirche will und in ihr bezeugt werden möchte; und was es bedeutet, ihm nachzufolgen und mit ihm die Menschen zu lieben.  Wenn wir darum mit Anstand stritten, dann würden uns die Menschen auch glauben, dass es uns nicht nur um uns selbst geht.
01:58
April 6, 2019
190405 4. Fastenwoche Gott kennen Joh 7,1-2.10.25-30
Kann man Gott „kennen“? Jedenfalls nicht so, wie wir einander kennen. Gott übersteigt alles menschliche Erkennenkönnen. „Keiner hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18). Deshalb ist die Versuchung groß, sich Bilder von Gott zu machen. Das ist verboten, weil die ihn immer unendlich viel kleiner machen als er ist. Stattdessen gibt Gott selbst uns ein Bild von sich. Nicht eine Abbildung eines Abwesenden, sondern eine Versichtbarung des Unsichtbaren. Eine solche sind zunächst Adam und Eva füreinander. Nach dem Sündenfall will der Mensch lieber sich selbst als Gott sichtbar machen. Seitdem ist diese Sichtbarkeit schwer beschädigt. Dann betritt Gott selbst als Mensch die Weltbühne. Jesus ist in Person die Sichtbarkeit des unsichtbaren Gottes. Und Jesus kann man kennen. Das ist ein Problem und eine Chance. Ein Problem, weil jene, die ihn kennen, meinen, sie wüssten Bescheid über „des Zimmermanns Sohn“. Sie kennen sein Menschsein und verkennen sein Gottsein. Gerade weil man ihn kennt, kann er nicht der Messias sein: „Wenn der Messias kommt, weiß niemand woher er stammt.“ (Joh 7,27).  Eine Chance, weil wir so wirklich Gott als Mensch kennen. Wir kennen Jesus Christus durch den Umgang mit ihm und durch die Zeugen, die Evangelisten und die Apostel und ihre Nachfolger bis heute, die Heiligen und die kleinen und großen Zeugen unserer Tage. Das ist kein Umweg, sondern die Weise, wie Gott sich in Christus uns bekannt machen will. Und je mehr Freunde Christi wir kennen, umso besser kennen wir ihn selbst. Und je besser wir ihn kennen, umso eher macht er sich anderen Menschen bekannt durch uns.
02:17
April 5, 2019
190404 4. Fastenwoche Zeitweilig fröhlich Joh 5,31-47
Immer, wenn wie heute im Evangelium vom „Zeugnis“ die Rede ist, geht es um beides: dass wir Zeugen werden und dass wir das Zeugnis anderer annehmen sollen. Ersteres hat – je nach Mut und Gefahrenlage – oft etwas von Bevollmächtigung und Aufbruch. Zweiteres ist eher brenzlig, bedeutet Veränderung und geht im Evangelium häufig schief (so bei den Bescheidwissern, den Verhärteten oder den Indifferenten). Jesus wirft seinen Zuhörern vor, das Zeugnis Johannes des Täufers nicht ernst genommen zu haben: „Ihr wolltet Euch eine Zeit lang an seinem Licht erfreuen.“ (Joh 5,35) Das ist ein schwerer Vorwurf: Ihr habt aus einer prophetischen Mahnung einen geistlichen Genuss gemacht und aus einem Lebenszeugnis bis zum Tod einen vorübergehend erhebenden und erfreulichen, aber letztlich folgenlosen spirituellen Event. Wir sollten Acht geben, dass wir der Gefühligkeit und Effekthascherei der geistlichen Blender und Schönredner nicht auf den Leim gehen. Stattdessen sollten wir Ausschau halten nach den wenigen Zeugen und Propheten oder den kleinen Helden des Alltags, die nicht gefallen wollen, sondern uns das Lebenszeugnis einer befreienden Umkehr zur Freundschaft Jesu Christi zumuten.  Manchmal müssen wir erst eine Weile zuhören und eine Strecke mitgehen, um zu erkennen und uns zu freuen, dass wir auf dem Weg in die Freiheit der Kinder Gottes sind.
01:55
April 4, 2019
190403 4. Fastenwoche Du bist am Werk Joh 5,17-30
Die Reden Jesu im Johannesevangelium lassen mir manchmal den Kopf schwirren. Zugleich gehören sie zu den reichsten Texten der Heiligen Schrift. Es gibt verschiedene Weisen, diesen Reichtum zu heben: Verstehenshilfen wie Kommentare oder Auslegungen, das gemeinsame Lesen, das Gespräch mit Menschen, die im Umgang mit der Heiligen Schrift geübt sind. Oder ich frage danach, welcher Satz mich besonders anspricht oder anfragt. Den merke ich mir, verweile bei ihm und betrachte seine verschiedenen Bedeutungen in den Situationen und Begegnungen dieses Tages. Oft kann ich ihn sogar konkret anwenden oder verwirklichen. Heute könnte das zum Beispiel das Wort Jesu sein: „Mein Vater ist noch immer am Werk.“ (Joh 5,17) Gott schafft nicht nur am Anfang, sondern dauernd. Ohne sein Wirken fiele alles ins Nichts. Gott ist am Werk in mir und um mich herum. Gott wirkt nicht das Böse (das machen wir schon selbst), aber er kann „a